„Ich war eine Sklavin der Saudis“
Der Weg ist lebensgefährlich, das Versprechen dafür umso verlockender. Warum hunderttausende Äthiopier über das Meer auf die Arabische Halbinsel aufbrechen – und wie die Christin Akeza dort in einen Alptraum aus Ausbeutung und Gewalt geriet.
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„So in etwa“, sagt Akeza und zupft am schwarzen Tuch. Sie legt es über den Kopf, zieht es zurecht, sieht in den Spiegel – und erschrickt vor sich selbst. Nein. So war es nicht. Nicht ganz. „Mein Gesicht verschwand damals fast vollständig unter dem Stoff“, sagt sie. „Nur meine Augen durften bleiben. Mehr nicht.“ Sie versucht es erneut. Zieht den Stoff hoch, wieder hinunter, legt ihn enger um Wangen und Stirn, korrigiert hier, verwirft dort. Eine Frau auf der Suche nach einem Bild von sich. Das Original hat sie bis heute auf ihrem Handy abgespeichert. Akeza mustert sich. Es ist fast geglückt. Im Spiegel sieht sie plötzlich eine Frau, die sie nur zu gut kennt – und nie mehr sein will. „Das damals“, sagt sie, „das war nicht ich.“ Sie hält inne. „Das war Semira.“
Akeza ist 34 Jahre alt. Sie sitzt in einer kleinen Wohnung am Rand der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Doch sie könnte – das wird rasch klar – längst tot sein: verscharrt in der Wüste zwischen ihrer Heimat im Hochland und der Küste. Ertrunken im Meer. Erschossen an der Grenze zu einem sagenumwobenen Wunderreich, das für sie und hunderttausende ihrer Landsleute zur Hölle wurde. Einem Land, das ihr nicht nur den Namen raubte.
Schneller als die Weltmeisterin
Als Mädchen war Akeza schneller als Gotytom Gebreslase. Wer mit Marathon wenig anfangen kann, wird den Namen kaum kennen. In Äthiopien aber ist Gotytom ein Star, eine der besten Langstreckenläuferinnen der Welt, 2022 gar Marathon-Weltmeisterin. Zwei Jahrzehnte zuvor war sie Akezas Schulkollegin. Die beiden trainierten gemeinsam, und Akeza erinnert sich, dass sie sogar die Schnellere war.
Sie wuchs in einem kleinen Dorf in Tigray auf, Äthiopiens nördlichster Provinz: ein schroffes Hochland mit Gipfeln bis zu 4.000 Metern. Zehn Kinder waren sie zu Hause, fünf Buben, fünf Mädchen, Akeza irgendwo dazwischen. Rund ums Dorf wuchsen Weizen und Gerste. Am Wochenende half sie auf den Feldern, hütete Ziegen und Schafe. Unter der Woche war sie an der Schule im Internat. Fünf Stunden Fußmarsch dauerte der Weg dorthin und zurück, der Transport kostete Geld, das die Familie nicht besaß. Also blieb Akeza unter der Woche am Schulort.
„Aber ich ging nie in die Schule“, sagt sie. „Ich lief. Ich lief immer. Und ich war schnell.“ Von der vierten bis zur achten Klasse war das Laufen mehr als nur die rascheste Art, voranzukommen. Es war ein Versprechen. Akeza träumte von einer Karriere als Athletin. Bis der Regen ausblieb, die Ernte verdorrte, fast alle Tiere der Familie verendeten. Ihr Traum löste sich im Hunger auf. „Die Angst, dass kein Regen kommt, dass die Ernte ausfällt. Das bestimmte alles“, erinnert sich Akeza. „Diese Angst kroch in unsere Familie. Selbst wir Kinder spürten sie.“
Wer laufen will, muss essen. Akeza besaß Talent und Ehrgeiz. Es war der Hunger, der sie stoppte. Sie gab den Traum auf, beendete die zehnte Klasse mit schlechten Noten und lernte in der Provinzhauptstadt Mekele Friseurin. Mit den ersten Einkünften eröffnete sie einen winzigen Salon: ein Sessel, ein Spiegel, mehr nicht. Dann erhöhte der Eigentümer die Miete und verlangte sechs Monate im Voraus. Akeza konnte nicht zahlen. Der Raum wurde versiegelt, ihre Arbeitsmaterialien blieben drin. Während sie wieder vor dem Nichts stand, bauten andere in Tigray neue Häuser. Bezahlt mit Geld aus Saudi-Arabien. Eine Freundin war bereits dort. Akeza fragte, ob auch sie aufbrechen solle. „Es ist riskant“, warnte die Freundin. „Du kannst unterwegs sterben. Aber wenn du es schaffst und dort gehorchst, wird es dir gut gehen.“
Der Preis des Aufbruchs
Akeza kannte die Gefahr. Aber sie kannte inzwischen auch den Preis des Bleibens. Also ging sie zu einem „Dalala“, einem Vermittler. Gezahlt wurde von Etappe zu Etappe. Mit Geld, das sie nicht besaß. Akeza war damit nicht allein. Jahr für Jahr brechen rund 200.000 Menschen vom Horn von Afrika nach Saudi-Arabien auf, die meisten aus Äthiopien. Es ist eine der größten Fluchtrouten der Welt, Afrikas Lampedusa – und in Europa nahezu unbekannt. Allein im vergangenen Jahr starben oder verschwanden entlang der Route mindestens 922 Menschen. Wie viele es wirklich waren, weiß niemand.
Geweihter Sand im Boot
Von Mekele führte Akezas Weg nach Jigjiga, von dort auf der offenen Ladefläche eines Lastwagens durch Somaliland. Fünf Tage und Nächte durch die Wüste. Vor Kontrollposten mussten alle absteigen und kilometerweit marschieren, um den Soldaten zu entgehen. Wasser gab es nur sporadisch. Manchmal Reis. „Darin krochen schon Insekten und irgendwelche Würmer“, sagt Akeza. Und kaum war eine Strecke überstanden, hielt der nächste Schlepper die Hand auf. An der Küste schlief sie zwei Nächte unter freiem Himmel. Das Boot legte in der Dunkelheit ab. „Damit die Leute das Meer nicht sehen und ruhiger sind“, sagt Akeza. Auch sie sah das Meer zum ersten Mal. 108 Menschen, gedrängt an Bord, mit Seilen aneinandergebunden. Drei arabische Schlepper gaben die Befehle. Wer sich wehrte, bekam Hiebe. Wer schrie, Schläge.
Akeza beginnt zu weinen. Ihre kleine Wohnung in Addis verblasst. Plötzlich ist sie wieder dort: in der Enge, zwischen den Körpern, den Schreien und der Angst vor dem Ende. Mittags setzte der Motor aus. Wasser drang ins Boot. Alle schöpften. Menschen erbrachen sich, andere brüllten. Kein Essen. Kein Wasser. Kein Schlaf. „Ich betete zu Gott, am Leben zu bleiben“, sagt sie. Seit der Abreise trug sie als orthodoxe Christin geweihten Sand bei sich. Für sie wie Weihwasser, ein Zeichen, dass Gott sie beschützen würde. Als sie fürchtete, im Meer zu sterben, steckte sie sich den Sand in den Mund. Akeza weint noch immer, als sie davon erzählt. Zwei Menschen erreichten Jemens Küste nicht lebend.
Dort gaben Helfer vom Roten Halbmond den Überlebenden Essen und Kleidung. Eine Nacht durfte Akeza schlafen. Dann musste sie weiter, quer durch ein Land im Krieg, zehn Tage lang, meist zu Fuß. Die saudische Grenze konnten sie nur nachts überqueren. Das Militär schoss scharf. Die Schlepper behaupteten, die Positionen der Schützen zu kennen, und trieben die Gruppe durch die Dunkelheit. Sechs Wochen nach dem Aufbruch erreichte Akeza Saudi-Arabien. Aus den einzelnen Forderungen der Schlepper waren inzwischen Schulden von umgerechnet mehr als tausend Euro geworden. Für sie ein Vermögen. „Ich war am Ende“, sagt sie. „Ich spürte nichts mehr.“
Als Erstes nahm man ihr den Namen. Der Schlepper nannte sie fortan Semira. Akeza gab es nicht mehr. Nach nur einer Nacht in einem Versteck lieferte er sie bei einer Familie in der Hauptstadt Riad ab. „Alles sah anders aus. Reicher, besser, aber auch verborgener.“ Das Haus war riesig, der Wohlstand funkelte in gewaltigen Bildschirmen an den Wänden. In dem Anwesen lebten ein Mann, seine beiden Frauen – jede auf ihrem eigenen Stockwerk – und neun Söhne. Die älteren Burschen waren bereits größer als Semira.
Semira muss gehorchen
Verborgen blieb vor allem sie. Semira verstand kein Wort Arabisch, durfte das Haus nicht verlassen und musste sich vom ersten Tag an vollständig verschleiern. Sie schlief in einer kleinen Kammer im Keller. Wenn sie oben die Spielsachen in die Regale räumte, warfen die Buben sie wieder herunter. Ein Spiel für sie. Arbeit für Semira. Schlimmer waren die Hände. Der Vater betatschte sie regelmäßig, die älteren Söhne taten es ihm gleich. Wie weit die Übergriffe gingen, sagt Akeza nicht. Nur, was sie damals begriff: „Sie respektieren dort selbst Hunde mehr als Menschen, die keine Saudis sind.“
Semira blieb nicht in dieser Villa. Man reichte sie wie eine Ware weiter, von einer Familie zur nächsten. Jahre vergingen. Andere entschieden, wem sie zu dienen hatte. Wo sie schlafen durfte. Ob sie das Haus verlassen konnte. Semira hatte zu gehorchen. Zuletzt landete sie bei einer Familie an der saudischen Küste, nahe Bahrain. Die Familie stammte ursprünglich aus Syrien. „Sie waren korrekt zu mir“, sagt Akeza nur. Korrekt. Nach allem, was sie bis dahin erlebt hatte, war dieses Wort bereits ein Lob. Manchmal durfte sie sogar hinaus. Dort traf sie andere äthiopische Hausmädchen. Frauen wie sie, fortgegangen mit dem Versprechen auf ein besseres Leben, versteckt in fremden Häusern, abhängig von der Gnade jener Menschen, denen sie dienten. Semira war eine von Hunderttausenden solcher Äthiopierinnen in Saudi-Arabien. Sie genoss diese wenigen Stunden. Sie konnte reden, lachen, vielleicht sogar vergessen, wer sie in Saudi-Arabien geworden war. Doch gerade diese seltene Freiheit wurde ihr zum Verhängnis. Bei einem der Treffen griff die Polizei sie auf. Bis dahin hatten ihre Arbeitgeber über Semira verfügt. Nun tat es der saudische Staat. Aus dem Haus, das sie kaum verlassen durfte, landete sie direkt in der Abschiebehaft.
Jahrelang hatte man Akeza in fremden Häusern verborgen. Nun verschwand sie hinter Gefängnismauern. Fünf Monate lang. Eingepfercht mit anderen Frauen und Kindern in schmutzigen, fensterlosen Zellen. Die Luft stand, sauberes Wasser fehlte, Toiletten ebenso. Von einem Arzt ganz zu schweigen. Dafür setzte es Schläge. Ständig. Ihre Arbeit war den Saudis gut genug gewesen. Akeza selbst war es nicht.
Akeza kehrt zurück
Als sie 2022 nach Äthiopien abgeschoben wurde, empfand sie nur Erleichterung. Acht Jahre Saudi-Arabien. Sie hatte überlebt. Mehr zählte in diesem Moment nicht. Dass ihre Heimat Tigray inzwischen vom Krieg mit der Zentralregierung verwüstet worden war, ahnte sie nicht. Noch weniger, dass es nun genügte, aus Tigray zu stammen, um verdächtig zu sein. Kaum in Addis angekommen, sperrten die Behörden sie erneut monatelang ein. Präventiv, wie sie es nannten.
Dann erst durfte Akeza nach Tigray zurück. Dort, glaubte sie, wartete ihr eigenes Haus. Über Jahre hatte sie Geld heimgeschickt. Verwandte hatten damit in ihrem Namen ein Haus mit zwei Schlafzimmern gekauft. Ihr Haus. Jener Traum, für den sie einst durch die Wüste marschiert, über das Meer gefahren und in Saudi-Arabien zu Semira geworden war.
Doch das Haus gehörte längst jemand anderem. Ihr Cousin hatte es verkauft und war mit dem Geld verschwunden. Einmal mehr stand Akeza vor dem Nichts.
Der Preis des Bleibens
Eigentlich müsste Akezas Geschichte genügen. Als Warnung vor der Wüste, dem Meer und dem, was hinter den Mauern saudischer Häuser geschehen kann. Doch sie erzählt nur, was der Aufbruch kostet. Nicht, warum Menschen ihn trotzdem wagen.
Das tut die Geschichte von Awot. Sie ist 23, hatte von den Toten gehört und die Bilder in den sozialen Medien gesehen. Trotzdem brach sie auf. Über Dschibuti und das Rote Meer gelangte sie bis in den Jemen. Dann bekam sie Malaria und musste völlig geschwächt in einem Boot voller Kranker und Verletzter zurückkehren. Heute schuftet sie von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends an einer Saftbar am Rand von Addis Abeba. Einen einzigen Sonntag im Monat hat sie frei. Dafür verdient sie 2.000 Birr, nicht einmal 15 Euro – im Monat. „Ich werde es wieder versuchen“, sagt Awot.
Ein Leben, das ihr gehört
Ein Sessel, ein Spiegel – mehr war Akezas erster Salon nicht. Nun hat sie wieder beides. In ihrer kleinen Wohnung in Addis Abeba sitzt eine Kundin auf dem weißen Sessel. Akeza steht hinter ihr, zieht mit einem grünen Kamm einen Scheitel, teilt das Haar, flicht die Strähnen. Ihre Hände sind schnell. Zwischendurch lachen die beiden. Der Raum ist Salon und Wohnzimmer zugleich. Immer wieder wandert ihr Blick dabei in die Ecke. Dort hockt Ge’ez, Akezas acht Monate alter Sohn. Sie nimmt ihn auf den Schoß. Seine Finger spielen mit den orangefarbenen Perlen einer Gebetskette, über seinem Strampler hängt ein kleines Kreuz. Er sei ihre ganze Freude, sagt Akeza und zieht ihn näher an sich.
Später tauscht sie ihr gestreiftes T-Shirt gegen ein langes Kleid und macht sich auf den Weg zur Kirche. Vorbei an neu errichteten Wohnblöcken am Rand von Addis, zwischen Wellblechhütten und Werkstätten hindurch. Den Glauben, der sie auf dem Meer den geweihten Sand in den Mund stecken ließ, hat Akeza behalten. „Jesus hat mich nie im Stich gelassen“, sagt sie. „Er war mein Beistand. Mein Beschützer.“
Vor der Kirche legt Akeza ein weißes Tuch über den Kopf. Auch dieses bedeckt sie. Aber es verbirgt sie nicht. Es gehört zu ihr. Akeza lächelt. Diesmal bleibt ihr Name

Ausgebeutet und abgeschoben
Fast vier Millionen ausländische Hausangestellte arbeiten laut Amnesty International in Saudi-Arabien. Human Rights Watch dokumentierte, dass saudische Grenztruppen allein zwischen März 2022 und Juni 2023 hunderte äthiopische Migranten töteten. Amnesty kritisiert zudem willkürliche Haft unter unmenschlichen Bedingungen. Laut IOM wurden zwischen 2017 und 2024 mehr als 560.000 Äthiopier abgeschoben.

