„Da Lois kaun ois“

Was führt einen Buben aus einem kleinen Sägewerk im Mühlviertel bis auf die Philippinen? Und warum beginnt er dort mit 70 noch einmal von vorn? Die unglaubliche Geschichte des Steyler Missionars Alois Ortner.

Text: Christoph Lehermayr Fotos: Francis Amomonpon

„Es seid‘s wirklich kemma? Na, dass i des nu erleben derf.“ Uns gegenüber steht ein kerniger Mann im weißen T-Shirt und mit beigen Shorts, Typ Tourguide in Indiana-Jones-Optik und mit Mühlviertler Dialekt. Der Ort scheint dabei wie geschaffen für ihn: Palawan. Eine langgestreckte tropische Insel zwischen Südchinesischem Meer und Sulusee am westlichen Rand der Philippinen. Aus dem Flughafen der Hauptstadt Puerto Princesa strömen Rucksacktouristen und Abenteuerlustige mit dem Ziel, ein Paradies zu erkunden. Sie steigen in Busse, werden von Fremdenführern erwartet oder stehen einfach staunend vor einer exotischen Kulisse, gespannt, was sie die nächsten Tage erwartet.

„Mei, fost 40 Johr bin i scho do und jetzt kemmt’s ihr. Aber, wer waß, ob‘s übahaupt gnua üba mi zum Schreibn gibt? Kommt‘s, do hintn steht des Auto. Des hob i ma extra ausgliehn für eich, weil sonst fohr i jo vü lieba mit‘m Motorradl.“

Baumeister statt Tourguide

Auf seinem T-Shirt prangt die heilige Thérèse vom Kinde Jesu, im Hintergrund die Basilika von Lumbang. Ein Gotteshaus, das er selbst baute. Der vermeintliche Tourguide ist in Wahrheit Pater Alois Ortner, 70 Jahre alt, Steyler Missionar und seit 1987 auf den Philippinen. Am Steuer erzählt Pater Alois von seinem Leben, den Menschen, den Dörfern und all dem, was es auf Palawan noch zu tun gibt, biegt ab, überholt, zeigt hinaus. „Des mit dem Mundwerk war nie a Problem bei mir“, sagt er.

Aufgewachsen ist Pater Alois als siebentes von zehn Kindern in einem kleinen Sägewerk in Tragwein, im tiefsten Mühlviertel. Elektromotoren anschließen, Holzbalken hobeln – all das lernte er schon als Bub. „Da Lois kaun ois“, pflegte sein Vater zu sagen. Mit acht kam ihm nach der Erstkommunion der Gedanke, Priester zu werden, mit neun war die Sache geritzt. Seine Tante, eine Heiligengeist-Schwester, sandte „Bettelbriefe“ von den Philippinen, dazu Bilder von jenem „himmlischen Land“, in das er ab sofort wollte. Zwischen dem Sägewerk und Manila lagen ein Studium der Mathematik und Biologie, das Linzer Priesterseminar und ein kurzes Gespräch mit Bischof Maximilian Aichern: Er wolle in die Mission, Priester bei den armen Leuten sein. Der Bischof griff zum Telefon und rief bei den Steylern an. Am 12. Jänner 1987, einem Montag – den Wochentag liefert Pater Alois bei solchen Angaben stets verlässlich mit –, landete er in Manila. Warme Luft drang in die Maschine. „Mah, des hot ma taugt.“ Schon damals sei ihm klar gewesen: „Do bleib i für immer. Dieses Land hat der liebe Gott für mi geschaffen.“

Bald darauf begann Pater Alois zu bauen und hörte nicht mehr auf. Einer seiner ersten Tiefbrunnen reichte 45 Meter in die Erde, sechs Männer gruben zwei Jahre daran. Es folgten Schulen, Lehrwerkstätten und Kapellen, sieben Hängebrücken, ein Tunnel, ein Wasserspeicher für 800.000 Liter – und jene gelbe Basilika, die ihm jetzt auf der Brust prangt. Fast ein Vierteljahrhundert lang stand er um vier in der Früh auf, betete, feierte um sechs Uhr die Messe und war um 6:45 Uhr auf der Baustelle. Schwerarbeit bis halb fünf am Nachmittag, danach brachte er die Arbeiter mit dem Pritschenwagen nach Hause. 

Während Pater Alois erzählt, bleiben Puerto Princesa und der Verkehr der Stadt zurück. Mächtige Baumkronen spannen sich über die Straße, hinter einem breiten Fluss staffeln sich die Berge in blauen Schichten. Lastwagen, Geländewagen und Motorräder mit Beiwagen kommen entgegen. Palawan ist grün, weit und noch immer wild. Und heiß. Noch vor seinem Missionsort tauscht Pater Alois das T-Shirt mit der heiligen Thérèse gegen ein anderes weißes Leibchen. „I wor scho imma a Schwitza“, sagt er und lacht.

Priester unter Palmen

Wenig später bremst Pater Alois vor einer kleinen Kirche. Den Pfarrer kennt er, doch der ist gerade nicht da. Dafür eilen der Mesner und seine Frau herbei. Sie nimmt Pater Alois’ Hand und führt sie an ihre Stirn, er legt ihr die andere auf die Schulter. Ein paar Worte, ein Lachen. Dann geht er hinein, setzt sich in eine der Holzbänke und betet. Als er herauskommt, erzählt er weiter. Es sei noch gar nicht so lange her, dass hier die befestigte Straße endete. Apurawan, seine jetzige Pfarre, war damals nur per Boot erreichbar.

Nach gut einer Stunde Fahrt taucht das Dorf auf. In Apurawan führt die Straße bis ans Meer. Hinter einem blauen Tor steht die Santo-Niño-Kirche, ein Backsteinbau mit rotem Dach, den die Steyler vor neun Jahren errichteten. Geweiht ist sie dem Heiligen Kinde. Prägt doch die Verehrung des Jesuskindes den Katholizismus auf den Philippinen wie kaum etwas anderes. Gleich hinter der Kirche ragen Palmen in den Himmel, liegen Sand und Auslegerboote. Ein paar tausend Menschen leben in dem Dorf, etliche arbeiten für eine Minengesellschaft. Ein Stromnetz gibt es nicht. Solarzellen dafür schon. Und Sonne ohnehin genug.

Seit gut einem Jahr ist Pater Alois hier, zuerst als Kaplan, inzwischen als Pfarrer. Mit 70 beginnt er wieder einmal bei null. Das scheint ihm zu gefallen. Vor dem Pfarrhaus steht seine Honda-Enduro. In seinem kleinen Zimmer die Luft. Doch alles hat seinen Platz. Im Zentrum: die Bibel. Am Abend gibt es unter einer Laube Chicken Adobo, eine philippinische Spezialität. Danach geht Pater Alois am Meer entlang. Seine Gesundheit ist formidabel. Krank sei er praktisch nie. „Und wenn, daun geh i amoi a poar Stunden schwimma und da Schnupfn ist weg.“ Einmal brach er an einem Sonntag nach gleich sechs Messen in der Hitze zusammen. Er setzte sich zwei Minuten hin. Dann ging es weiter. Seither sei es nie wieder passiert.

Am nächsten Morgen beginnt um sechs die Messe. Durch die offenen Türen fällt erstes Licht, draußen wehen die Palmblätter im Wind. Vor allem Frauen sind gekommen, noch sind es nicht viele. Aber die sind dem neuen Pfarrer sichtlich zugetan. Das müsse sich erst entwickeln, sagt er. Sorgen macht er sich deshalb keine. „I bin voller Eifer und Energie.“

Nach der Messe geht Pater Alois durch das Tor hinunter zum Strand. Eine Nachbarin kommt ihm mit ihrem Sohn ent-gegen. Der Bub lässt sich von ihm auf den Arm nehmen. Die drei plaudern auf Tagalog, schnell und ohne Mühe. Zwei Monate lang habe er die Sprache in einem Kurs gelernt, erzählt er. Das meiste aber von den Gemüseverkäuferinnen. Die hätten mehr Zeit zum Reden gehabt. An seinen etlichen Missionsorten kamen mehrere Regionalsprachen hinzu.

Früher ging es nach der Frühmesse sofort auf die Baustelle. Heute setzt er sich danach in sein heißes Zimmer und studiert die Bibel. Im griechischen Original. Nur daraus lasse sich wirklich lesen und ableiten, sagt er. Dann rezitiert er mehrere Stellen auf Altgriechisch. Seinen Missionsort Apurawan muss er sich erst erschließen. Den Urtext offenbar nicht.

„Waunst nix probierst“

Bald bricht Pater Alois Richtung Süden auf. Die Straße quert Flüsse, in deren ruhigem Wasser bunte Auslegerboote liegen. Kokospalmen drängen sich bis ans Ufer, dahinter steigen dicht bewaldete Hügel auf. Je weiter der Pick-up fährt, desto üppiger wirkt die Insel. Wer nur aus dem Fenster blickt, könnte Pater Alois für einen Pfarrer im Paradies halten. Palawans Schönheit ist gleichmäßig verteilt. Der Wohlstand nicht. Die meisten Touristen zieht es von Puerto Princesa nach Norden, nach El Nido, zu Inseln, Buchten und Hotelstränden. Der Süden bleibt in den Prospekten meist ausgespart. Für viele seiner Bewohner bedeutet der Alltag auf der Trauminsel vor allem: weite Wege, schlechte Versorgung, wenig Geld.

Erster Halt ist die Pfarre San Isidro in Quinlogan. Father Hai aus Vietnam und Father Nicolas aus Kenia umarmen Pater Alois, ein Seminarist aus Papua-Neuguinea gesellt sich hinzu. Beim Fischessen sitzen Steyler Missionare aus vier Ländern an einem Tisch. Die beiden Priester leben seit einem Jahrzehnt auf den Philippinen. Im Scherz fragen sie, wie Pater Alois als „junger Kaplan“ mit seinem betagten Pfarrer ausgekommen sei. Dann wollen sie wissen, was er als nächstes zu bauen gedenke. Sein Ruf ist ihm vorausgeeilt. Doch der Mann, der sonst gerne das Wort führt, hält nun ein Stück Obst in der Hand und hört lange zu. Es geht um den tiefen Glauben im katholischsten Land Asiens – und um all die Sorgen des Alltags, die trotzdem bleiben. Dann lacht Father Hai: „Aber so viel bauen wie du, das kriegen wir nie hin.“

Auf der Insel Sibuyan in der Provinz Romblon hatten die Lehrer Pater Alois einmal von einem Problem erzählt. Sobald es regnete, blieben die Kinder der Schule fern. Ihre Eltern fürchteten, dass sie bei Hochwasser nicht mehr nach Hause kämen. „Da hob i gsogt: Jo, do kaun man jo Hängebrücken bauen.“ Also baute er eine. Und dann noch eine. Am Ende waren es sieben. Die längste spannt sich hundert Meter weit über einen Fluss, zwanzig Meter über dem Wasser. „Des Problem war, dass nach der Brücke noch ein hoher Berg kommen is“, erinnert sich Pater Alois. „Die Kinder hätten drumherum gehen müssen und des hätt’ lang gedauert. Also hamma hoid a nu an Tunnel gebaut.“ Eine Brücke spannen, einen 40 Meter langen Tunnel graben – bei Pater Alois klingt das wie Rasenmähen und Zäune anstreichen. Doch der Packen an Fotos, die ihn bei schweißtreibender Arbeit zeigen, belegt, dass dahinter weit mehr steckt. Jedenfalls habe sich all die Mühe gelohnt, die Noten der Kinder seien schlagartig besser geworden, der Dank der Lehrer ihm für immer sicher gewesen. Zweifel, ob ein auch noch so großes Vorhaben auch gelingen könne, plagten ihn dabei kaum: „Waunst nix probierst, bringst nix zaum.“

Nach der Stärkung mit Fisch führt die Fahrt noch tiefer in den Süden, nach Rizal. Dort warten Father Joseph aus Vietnam und Father Jean Baptiste aus Togo auf ihren Mitbruder, das missionarische Urgestein aus Österreich. Eine Umarmung, ein Handschlag, ein wenig Necken: Ausgerechnet mit dem Auto sei er gekommen, scherzen sie, wo er doch sonst als „Easyrider“ auf dem Motorrad sitze. Und übrigens: Ihr Kirchendach sei undicht, sagt Father Jean Baptiste, falls Lois noch Energie übrig habe, und lacht. Später feiern die drei Priester gemeinsam Messe. Unter dem weißen Gewand von Pater Alois lugen die roten Ärmel seines Honda-Leibchens hervor. Bei der Wandlung hebt er den Kelch. Hinter ihm reicht ein Gerüst bis unters Kirchendach.

Flugzeugabsturz und Schiffsbrand

Gerüste kennt Pater Alois. An der Basilika der heiligen Thérèse vom Kinde Jesu in Lumbang tüftelte er jahrelang. Nicht nur an Fundamenten und Mauern, auch an der Fassade und ihren Proportionen. Ein Gotteshaus müsse schon von außen festlich und einladend wirken, sagt er. Schließlich werde darin die Liebe Gottes gefeiert. Dazu kam die Statik, bedroht von Erdbeben und Taifunen. Wer in der Mission baut, ist mit solchen Fragen oft auf sich allein gestellt. Pater Alois zeichnete deshalb nicht nur die Pläne, er setzte sie als Bauherr und Arbeiter gleich selbst um.

Gut 150 Millionen Peso hat er in knapp vier Jahrzehnten für seine Projekte aufgetrieben, den Großteil bei Spendern in der Heimat – nach heutigem Kurs gut zwei Millionen Euro. Dass er in all den Jahren auch einem Flugzeugabsturz und einem Schiffsbrand entging, streift er hingegen fast beiläufig: „I bin von den Engeln behütet.“

So könnte man ihn nach all den Brunnen, Schulen, Brücken und Kirchen für einen ungewöhnlich tüchtigen Entwicklungshelfer halten. Doch genau dem widerspricht er vehement, wie er seinen Gönnern einmal schrieb: „Jedes Projekt verstehe ich als einen Weg zu Christus, ein Näherkommen zum Vater im Himmel. Ich bin absolut kein Sozialarbeiter. Mein Lebenssinn besteht im Gebet für die Menschen, damit Jesus in ihnen Gestalt annimmt.“

Und so wartet in Apurawan bereits das nächste Vorhaben auf ihn. In einem höhergelegenen Dorf leben rund 1.000 Menschen. Seit Jahren fehlt eine verlässliche Wasserversorgung, auch an der Volksschule mit ihren 89 Kindern. Das Wasser muss aus einem zwei Kilometer entfernten Fluss geholt werden, immer wieder erkranken Menschen an Typhus. Pater Alois will eine Quelle fassen, eine Leitung legen und einen Tank bauen.

Am Flughafen hatte er noch gefragt, ob es über ihn überhaupt genug zu schreiben gebe. Nun schwingt er sich auf seine Honda. Nach allem, was man inzwischen über Pater Alois weiß, begreift man wirklich, was er meint, wenn er sagt, sein nächstes Projekt sei „gaunz wos Afoches.“

allewelt EXKLUSIV

Pater Alois Ortner ist Emil-Preisträger beim „Austrian.On.Mission-Award“ 2026. Exklusive Einblicke in unsere allewelt-Recherche auf Palawan und Pater Alois im Gespräch sehen Sie auf unserem YouTube-Kanal.

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