Das einzige Heilmittel gegen das Böse

Bei Missio gilt Schwester Hedwig Vinyoh als Schutzengel der Zuversicht. Begleitet man die Sozialarbeiterin auf ihren Hausbesuchen, versteht man schnell, wieso. Sie setzt der endlosen Gewalt in ihrer Heimat im Westen von Kamerun unendliches Vertrauen entgegen.

Text: Anne Fleck Fotos: Francis Amomonpon und Daniel Beloumou
17 min Lesedauer

Ich wünschte, ihr wärt zu mir gekommen. Aber schon der Versuch wäre ein Wahnsinn gewesen. Ihr wärt überhaupt nie nach Kumbo gelangt. Sie hätten euch noch auf dem Weg dahin entführt. Die Methode der Amba Boys ist ziemlich einfach: Sie verschleppen dich in den tiefsten Dschungel, dann nehmen sie dein Handy und schicken deinen Kontakten folgende Nachricht: ‚Entweder ihr zahlt sofort oder ihr seht sie nie wieder.‘ Wahrscheinlich würden sie ein Video mit euch aufnehmen und ihr müsstet den Satz selbst in die Kamera sagen.“

Zwischen den Fronten

Die von Schwester Hedwig erwähnten Amba Boys sind weniger schlimme Buben als vielmehr schwer bewaffnete Separatisten. Die Rebellen mit dem niedlichen Namen „Amba Boys“ liefern sich seit zehn Jahren im englischsprachigen Nordwesten Kameruns einen brutalen Kleinkrieg mit dem Militär. Ihr Ziel: ein unabhängiges Ambazonia, ein eigener Staat für den englischsprachigen Westen des sonst französischsprachigen Landes.

Schwester Hedwigs Zuhause liegt mitten im Konfliktgebiet. Sie lebt mit 60 weiteren franziskanischen Schwestern im Mutterhaus der Tertiarschwestern des Heiligen Franziskus. Dort betreiben sie eine Milchfarm, Schulen, Berufsausbildungszentren, Häuser für Waisenkinder und ein renommiertes Krankenhaus. Bis zum Ausbruch des Konflikts war das Spital mit einem der besten Herz-Zentren Afrikas ein Magnet für Patienten vom ganzen Kontinent. Damals, berichtet die fröhliche Klosterfrau – und das Damals, das ist noch gar nicht so lange her – seien sogar Leute aus dem fernen Äthiopien gekommen, weil die kardiologische Abteilung des Krankenhauses so angesehen war. Heute komme keiner mehr. Es ist schlicht lebensgefährlich. Stattdessen ist Schwester Hedwig Expertin in der Vermittlung zwischen Konfliktparteien und in der Hilfe für Binnenvertriebene geworden. Und aus dem Spital wird des Nachts oft eine Flüchtlingsunterkunft. „Inzwischen wissen die Leute schon, dass sie mit ihren eigenen Töpfen kommen müssen. Und dass sie von uns immer etwas zu essen bekommen.“ Schwester Hedwig ist nicht sentimental. Die Sozialarbeiterin ist dafür zu pragmatisch und zu beschäftigt. Sobald erste Schüsse fallen, weiß sie, es ist Zeit, die Tore für die Menschen zu öffnen. Es verbittert sie nicht. Was sie deprimiert, seien die Leichen auf den Straßen. Keiner traue sich, sie zu begraben. Gerade in der Hitze ein Albtraum. „Ich rede dann mit den Soldaten und daraufhin hole ich die Menschen und sie werden beerdigt.“

Alleinerziehend auf der Flucht

In der Diözese Bafia im Inneren des Landes Kamerun sind solche Zustände unvorstellbar. Eigentlich liegen die beiden Orte nur 300 Kilometer voneinander entfernt. Mit den Umwegen aufgrund von Straßensperren dauert die Reise im Auto dennoch einen Tag. Und sie kostet viel Geld, das Schwester Hedwig nicht hat. Sprit- und Bestechungskosten sind ins Unermessliche gestiegen. Und trotzdem sind die Nöte der von dort Geflohenen auch in der Diözese Bafia nie weit weg – zu dramatisch bleiben die erlittenen Wunden. Gerade deshalb hat die Schwester die beschwerliche Reise nach Bafia auf sich genommen. Sie kommt auch hier ihrer erklärten ersten Aufgabe nach – dem Zuhören. Weil sie nicht immer Lösungen für die Probleme habe, aber allein das Reden helfe. Vielleicht schafft es der stille Philipp deshalb, sich zu öffnen: „Ich habe kein Foto meiner Frau. Es würde mich zu traurig machen, es anzuschauen. 2016 wurde bei uns im Viertel geschossen. Sie wollte ins Haus fliehen und wurde von einer Kugel am Kopf getroffen. Sie war sofort tot. Damals war unser Sohn ein Jahr alt. Seither ist das Einzige, was mir Mut macht, der Anblick meines Kindes.“ Während der hagere Mann Schwester Hedwig seine Geschichte erzählt, streicht sie über den Arm des Buben Abe Ranson. Sie kennt zu viele solcher Geschichten. Und doch ist sie getroffen. Und sie hört nicht auf, zu ermahnen: „Schließt euch zusammen. Redet über euer Schicksal. Bleibt nicht allein!“

Die Franziskanerin nimmt sich viel Zeit für Vater und Sohn und fragt sehr genau. Nach dem Geschäft, das aufgrund des Konflikts eingegangen ist, welche Pläne Philipp jetzt habe, was er brauche, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Der Vater berührt sie unter all den Geflohenen aus ihrer Heimat besonders. Weil es selten sei, dass sich ein Mann so um sein Kind sorge. Aber dieser hier nennt Abe Ranson seinen größten Schatz. Das beeindruckt die Schwester sichtlich. „Alles was er tut, ist für seinen Sohn!“

Drei Söhne, keine Lebensmittel

Auch Doris hat vor allem ihre drei Söhne im Kopf, wenn sie überlegt, wie sie über die Runden kommen kann. Eine Mahlzeit kann sie ihnen nicht jeden Tag garantieren, erklärt sie beschämt. Aber sie kann versuchen, ihnen die Wege zu ebnen, damit sie später einmal selbst für sich und andere sorgen können. Sie hat Geld geliehen, damit die beiden Teenager eine Ausbildung machen dürfen. Der eine lernt Motorräder zu reparieren, der andere das Schweißen. Der Jüngste, Brian, neun Jahre alt, darf noch zur Schule gehen. Er träumt davon, Arzt zu werden. Im Moment hilft er vor allem seiner Mutter, Feuerholz im Busch zu sammeln, damit sie kochen und das Essen auf dem Markt verkaufen kann. Wenn sie genug verkauft, schafft sie es, mit ihren Einnahmen die Lebensmittel zu finanzieren, um mehr kochen und verkaufen zu können. 

Ähnlich wie Philipp träumt sie von ausreichend Startkapital, um ihr Geschäft zu vergrößern und damit auf solidere Beine zu stellen. Im Moment reicht es nur, um von der Hand in den Mund zu leben. Während Schwester Hedwig sich durch die dunkle Hütte von Doris und ihren Kindern bewegt und sich mit der Frau im Gespräch auf deren schmutziger Schlafstätte niederlässt, tut sie wieder, was sie so gut kann und so gern tut: Zuhören. Schwester Hedwig ist eine, die das Elend wirklich sieht und deren Mitgefühl dabei dennoch nie von oben herab mitleidig wirkt. Sie hat die Stärken der Schwächsten klar vor Augen und erinnert diejenigen, die es vergessen könnten: „Vereint seid ihr stark und nur so könnt ihr euch gegenseitig aus dem Elend helfen. Ihr müsst nicht allein sterben. Habt Mut, es wird nicht so hart bleiben.“ Die Zuversicht der Ordensschwester ist echt. Vielleicht hat sie deshalb so eine erbauliche Wirkung auf ihre Gesprächspartner. Sowohl Philipp als auch Doris lächeln, als sie sich verabschiedet. Offen bleibt nur, woher die resiliente Frau ihr Vertrauen nimmt.

Der furchtlose Paul

Während die 72-Jährige vollkommen unbeeindruckt von der glühenden Sonne auf den staubigen Wegen Bafias von Hütte zu Hütte geht und nach den Vertriebenen schaut, bleibt ihr Assistent Paul in ihrer Nähe. Die beiden vertrauen einander. Er könnte ihr Sohn sein, vielleicht sogar ihr Enkel. Sie schmunzelt, als sie erklärt, ihr altes Computer-Tablet sei älter als er. Jung verheiratet, Vater von einem einjährigen Mädchen, arbeitet Paul so unermüdlich wie seine Chefin. Und er ergänzt sie perfekt. Sein eingegipster Fuß hält ihn nicht davon ab, ihr mit allen wichtigen Unterlagen auf den Rücken geschnallt auf jedem noch so schlaglochversehrten Trampelpfad zu folgen. Paul ist zurückhaltender als Schwester Hedwig, und er kommt schneller zum Punkt. Wenn sich die Franziskanerin zu verzetteln droht, wird der studierte Sonderpädagoge zu ihrem roten Faden und holt sie vornehm und liebevoll zum aktuellen Anliegen zurück. Er wirkt furchtlos, ist nicht bereit, aus seiner gefährlichen Heimat wegzuziehen, und doch sieht man ihm die Belastung an. „Gestern wurde wieder ein Freund von mir erschossen. Wir glauben nicht mehr, dass die Politik das lösen kann.“ Die einzige Chance: Dem Bösen das Gute entgegensetzen. Deshalb sind sie hier. Schwester Hedwig und Paul. Das ist die Perspektive für seine kleine Tochter. Das gibt ihnen Hoffnung für ihre harte Arbeit. Auch wenn diese anders aussieht, als man erwarten würde.

„Neulich sind die Amba Boys auf unsere Milchfarm eingedrungen. Sie wollten eine Kuh stehlen. Eine Mitschwester hat mich gerufen.“ Es zeigte sich schnell, dass das die richtige Entscheidung war. Schwester Hedwig kennt den Anführer der Truppe aus ihrer Zeit als Gefängnis-Sozialarbeiterin. Sie ruft seinen Namen und als er zu ihr kommt, erklärt sie dem brutalen Kämpfer mit mütterlicher Strenge: „Was tut ihr hier? Wisst ihr nicht, dass die Erträge unserer Milchfarm für unsere Waisenkinder sind? Das gehört sich einfach nicht!“ Der reuige Rebelle erklärt ihr daraufhin betroffen, dass er und seine Männer am Verhungern seien. Zu seinem Erstaunen verspricht ihm die Frau im Schleier sofort, ein paar Lebensmittel zu besorgen, sobald sie selbst etwas Geld übrig habe. Auch hier sieht die mutige Franziskanerin den Menschen. Sie weiß, dass die Amba Boys nicht am Markt einkaufen können, weil sie dort vom Militär erschossen würden. Sie versucht, so gut sie kann, zwischen allen zu vermitteln. Und hat auch schon vom Militär bewaffneten Begleitschutz bekommen, während die Rebellen vorbeifahrende Autos überfielen.

Keine Kämpfer, nur Patienten

Das Einzige, was immer gleich bleibt: Sie hilft denen, die ihre Hilfe brauchen. Auch im Spital. Und solange die am Kampf Beteiligten Patienten bei den Schwestern sind, kümmern sie sich um diese. Und beschützen sie mitunter auch voreinander: „Manchmal dringen sie ins Krankenhaus ein. Ich sage ihnen dann: ‚Ihr könnt hier als Angehörige nach jemandem schauen. Aber nicht eure Feinde suchen. Hier gibt es nur Patienten – keine Soldaten, keine Rebellen!‘ Wir Schwestern sind angespannt, wenn sie kommen, aber wir bleiben stark.“ Einfach ist das nicht. Das Leben ist sehr hart für die Franziskanerinnen, seit der Konflikt sie Tag und Nacht in Atem hält. Schon lange gestaltete die politische Lage sich extrem angespannt, aber seit der gewaltsamen Eskalation 2016 ist nichts mehr, wie es vorher war. Und Mut gegenüber den Konfliktparteien ist keine Selbstverständlichkeit. Niemand ist sicher vor ihnen. „Diese Kerle haben den Rektor, er ist Priester, einer öffentlichen Schule entführt und in den Dschungel verschleppt“, ruft Schwester Hedwig empört und erklärt dann: „Staatliche Schulen sind den Amba Boys ein Dorn im Auge. Sie lehnen alles, was von der offiziellen Regierung kommt, ab.“ Der Staat wiederum legt diesem Hass kaum Steine in den Weg und schicke beispielsweise Lehrer, die nur Französisch sprächen, in die englischsprachige Region, woraufhin die Kinder bei den Schularbeiten kollektiv durchfallen würden, weil sie Arbeitsaufträge in einer fremden Sprache natürlich nicht verstünden. Keine der Herausforderungen in der Gegend lässt sich schnell lösen. Um den entführten Geistlichen zu befreien, seien weitere Priester geschickt worden. „Die Rebellen haben sie alle ebenfalls eingesperrt. Am Ende ist der Schulchef freiwillig zurückgeblieben, damit die anderen Priester wieder gehen konnten.“ Nach seiner Freilassung im Dezember 2025 ist Father John Berinyuy, der vier Wochen verschollen war, zum Weihbischof von Bamenda geweiht worden.

Der einzige Weg

Und auch an dem Frischgeweihten wird deutlich: Es gibt nur eine Methode. Einzig die Liebe kann über den Hass siegen. Oder wie Schwester Hedwig sagt: „Wenn wir kooperieren, wird die Last von uns allen leichter. Ohne unsere Landwirtschaft hätte es viele Hungertote gegeben. Jetzt sind die Binnenflüchtlinge – auch dank der Hilfe von Missio – an ihr beteiligt und bringen uns immer einen Teil ihrer Ernte. Und sie sind so dankbar dafür!“

Erneut ist da diese unerschütterliche Zuversicht. Sowie die Frage: Wie schafft man es, in Anbetracht solcher Not nicht zu verzweifeln? Wieso lacht eine Frau, die über 70 ist, performt wie eine 40-jährige Top-Managerin und dabei Leichen von der Straße holen muss, so viel, und das gelöst und ehrlich? Wie gelingt es ihr, diese Hoffnung so nachhaltig weiterzugeben? „Ich höre den Menschen wirklich gern zu! Dabei sieht man auch, wie sie sich entwickeln, wie Gott in deren Leben eingreift. Dabei bleibt mir eins immer klar: Es geht nur, weil ich bete. Jeden Morgen bin ich um drei Uhr für zwei Stunden allein in der Kapelle. Tagsüber ist dafür keine Zeit. Täte ich es nicht, würde ich mehr Schaden anrichten als helfen. So weiß ich, dass Gott für und mit uns diese Lage durchstehen wird.“

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