Der globale Patriarch
Der Patriarch von Konstantinopel ist „orthodoxer Papst“ und in der Türkei doch nur ein geduldeter Geistlicher. Bartholomaios I. gilt als früher Visionär in der Klimakrise und Brückenbauer zum Islam. Die „allewelt“ durfte einen der wichtigsten religiösen Führer unserer Zeit einen Tag begleiten. Es entstand das Porträt eines Beachtlichen.
Der Taxifahrer kratzt sich irritiert am Kopf. „Phanar? Noch nie gehört! Und Ökumenischer Patriarch? Wer soll denn das bitte sein?“ An den Scheiben seines Fahrzeugs gleitet Istanbul vorüber. Erst ist es ein Meer an Häusern, dann funkelndes Wasser, bis im glänzenden Licht des Morgens das Goldene Horn auftaucht. Türkische Fahnen flattern im Wind. Auf der Atatürk-Brücke stehen dicht an dicht erste Angler. „Was? Der Anführer von 300 Millionen orthodoxen Christinnen und Christen? Und der soll gerade hier bei uns in der Stadt residieren?“ Der Blick des Fahrers spricht Bände. So früh am Tag lass ich mir doch von euch keinen Bären aufbinden. Aber gut, er starrt auf das ihm gereichte Smartphone – ich bring euch schon hin, zu eurem Patriarchen. Den Rest der Fahrt lächelt der Mann still in sich hinein.
Die Residenz bekommt er auch diesmal nicht zu sehen. Eine Straßensperre zwingt zum früheren Aussteigen. Und ob der Blick auf die schlichte graue Fassade der St.- Georgs-Kathedrale, die jeden Anflug von Pomp vermissen lässt, seine Meinung geändert hätte, darf stark angezweifelt werden. Einzig die viele Polizei, die Sicherheitskontrollen und die Metalldetektoren lassen erahnen, dass es ernst wird.
Ein Fanal im Phanar
Wer sich zuvor etwas eingelesen hat, erspäht eine schwarze, hölzerne Pforte. Sie ist verschweißt und für ewig verschlossen und das seit 200 Jahren. Damals, man muss das in dieser Härte sagen, fiel der Patriarch einem furchtbaren Verbrechen zum Opfer. Konstantinopel stand seit seiner Eroberung im Jahr 1453 unter Kontrolle der Osmanen. Doch im einstigen „zweiten Rom“ war mit Griechen und Armeniern auch noch Jahrhunderte später eine Mehrheit christlich geblieben. So schien der Patriarch, als Oberhaupt der Orthodoxie, unter den Sultanen mehr gelitten als gern gesehen. Seines Sitzes in der einst prächtigsten Kirche des Erdreichs, der Hagia Sophia, beraubt, vagabundierte er über Jahrhunderte durch die Stadt. Wie das letzte verbliebene Relikt eines untergegangenen Imperiums war er gezwungen, mit anzusehen, wie eine Kirche nach der anderen zur Moschee mutierte. Der Besitz des Patriarchats wurde beschlagnahmt, dessen Schulen geschlossen und er selbst, nach sechs Umzügen, in das Ausgedinge des Phanar gedrängt. Genau dort wurde Patriarch Gregor V. am Ostersonntag des Jahres 1821 auf Geheiß des Sultans verhaftet. Der Vorwurf lautete auf Kollaboration mit den aufständischen Griechen im Osmanischen Reich. Noch im liturgischen Festgewand wurde der Bischof erst gefoltert und später erhängt. Zwei ganze Tage lang baumelte sein Leichnam zur Abschreckung an der hölzernen Pforte des Phanar, bevor er durch die Stadt geschliffen und danach ins Meer geworfen wurde. Ein Fanal mit Folgen.
Auf dem Boot des Patriarchen
Der Konvoi hat den Hafen erreicht. Der Patriarch bittet auf ein bereitstehendes Boot. Es soll ihn an einen Ort bringen, der ihm wichtig ist und den er uns, seinen Gästen, zeigen möchte. Und plötzlich spricht seine Heiligkeit. Auf Deutsch. Mit tiefer, klarer Stimme. „Österreich bin ich sehr verbunden“, sagt er, „es ist ein gutes Land, das ich bereits vier Mal besuchen durfte.“ Er berichtet von Vorträgen, die er hielt, Ehrendoktoraten, welche er in Wien und Graz verliehen bekam und reicht dazwischen Kekse zum Kaffee, während das Boot Fahrt aufnimmt. Bald erzählt er von seiner Kindheit auf Imbros, einer von Griechen bewohnten Insel in der Ägäis, die 1923 der Türkei zugesprochen wurde. Sein Vater betrieb das örtliche Kaffeehaus und der 1940 geborene Dimitrios, wie der heutige Patriarch mit bürgerlichem Namen hieß, fiel dem Metropoliten schon früh als gelehrig auf, sodass er ihn unter seine Fittiche nahm.
Nun nimmt Bartholomaios das Siegeskreuz von Brescia, ein Gastgeschenk als Mitbringsel aus dem Wiener Missio-Shop, küsst es und sagt: „Mit Papst Franziskus verbindet mich viel. Wir durften einander bereits elf Mal treffen, beteten gemeinsam in Jerusalem und er besuchte mich hier in Konstantinopel. Unser gemeinsames Anliegen ist der Schutz der Umwelt und damit der Schöpfung.“ Der Papst sieht im Patriarchen in der Klima-Frage sein Vorbild. In seiner Enzyklika „Laudato si´“ zitiert er ihn ausführlich, war doch Bartholomaios der erste Kirchenführer, der ab den 1980er-Jahren vor den Folgen der Umweltzerstörung warnte und davon sprach, dass „Verbrechen gegen die Natur eine Sünde gegen uns selbst und gegen Gott“ sind.
Der Schmerz von Chalki
Das Boot des Patriarchen gleitet über das glitzernde Wasser von Europa nach Asien hinüber, vorbei an Kuttern, Fähren und gewaltigen Containerschiffen, die sich aus dem Bosporus ins gleißende Marmarameer schieben. Fast eine Stunde dauert die Fahrt bereits und doch wollen die Hochhäuser der Metropole am Horizont kein Ende finden. Da tauchen auf einmal Inseln auf, erst eine, dann die nächste, und schließlich ist das Ziel erreicht: Heybeliada, die zweitgrößte der neun Prinzeninseln und zugleich die grünste. Fast wie heute der Oleander, wucherten einst auf den Inseln die Klöster, die im alten Byzanz als Stätten der Verbannung galten. Manch in Ungnade gefallener Prinz fand dort sein Ende in einer kargen Mönchszelle. „Für mich ist es ein trauriger Ort“, sagt der Patriarch und blickt den mit Pinien bestandenen Hügel hoch, an dessen Spitze sich die Umrisse eines stattlichen Gebäudes abzeichnen: die theologische Hochschule von Chalki, ein Bollwerk der Orthodoxie, eine Kaderschmiede ihres Nachwuchses und seit 1972 vom türkischen Staat dauerhaft geschlossen.
Betrübt führt Konstantinos Delikostantis durch die verwaisten Klassenräume, streift versonnen mit der Hand über das dunkle Holz der Schulbänke und hält später mit dem Patriarchen Andacht in der Kapelle der einstigen Hochschule. Delikostantis zählt zu ihren letzten Absolventen. Er begann gerade sein Studium im deutschen Tübingen, als die Militärs nach Chalki kamen, um der Orthodoxie den einzigen Ort zur Ausbildung ihrer Priester in der Türkei zu nehmen. „Auch wenn wir hier eine große Ungerechtigkeit erlebten, unsere Brüder und Schwestern zu Millionen aus dem Land vertrieben wurden, habe ich gelernt, dass wir den Staat nicht mit den Menschen verwechseln dürfen“, sagt Delikostantis. Der Theologe ist ein brillanter Denker, formuliert Sätze druckreif in Deutsch und ist seit 60 Jahren Wegbegleiter des heutigen Patriarchen, dem er als wichtigster Berater dient.
Mit dem Schwert in der Moschee
Groll gegenüber dem türkischen Volk ist ihm fremd. Er schildert eine Geschichte, die nach dem verlorenen Krieg in Kleinasien spielt. Sie handelt von einer jungen Griechin, der Schwester eines berühmten Schriftstellers. Sie geriet in die Fänge der türkischen Armee. Gerettet wurde sie von einem türkischen Offizier, dessen eigene Familie zuvor von den Griechen umgebracht worden war. Später half der Offizier auch dem Vater des Mädchens, auf die griechischen Inseln überzusetzen. „Diese wahre Geschichte beweist, dass in unserer Seele wirklich nichts unmöglich ist“, sagt Delikostantis.
Die Geschichte hilft ihm, aus all den Stichen, die der Orthodoxie in der Türkei weiter versetzt werden, selbst nicht verletzt hervorzugehen. Denn weder trugen die Bemühungen, Chalki wieder zu eröffnen, bisher Früchte, noch gelang es, die Umwandlung der Hagia Sophia vom Museum in eine Moschee zu verhindern. „Ich sah, wie dort nun mit einem Schwert in der Hand gepredigt wurde. Aber die ganze Struktur der Hagia Sophia, ihre Ikonen, das alles ist Ausdruck des Mensch gewordenen Gottes und gerade das wird vom Islam ja als Dogma verworfen. Insofern überrascht es mich, dass sie nun in einem Gebäude beten, das Ausdruck eines anderen Glaubens ist.“
30 Jahre Patriarch Bartholomaios
Als sich der Abend nähert und die hohen, mächtigen Palmen in Chalki Schatten werfen, nimmt der Patriarch in einer Art Golf-Buggy Platz. Da Autos auf den Inseln verboten sind, Pferde nicht immer gut genährt waren, haben E-Autos Einzug gehalten, was Bartholomaios‘ grüne Seele erfreut. Den ganzen Tag über hat er gearbeitet, Besprechungen abgehalten, gebetet, eine Gruppe von Kindern geherzt und eine Messe zelebriert. Selbst jetzt, in der stehenden Hitze des endenden Tages, wirkt er nicht müde, wechselt in Gesprächen vom Griechischen ins Türkische, zum Englischen und dann, mit Blick auf die Gäste, retour ins Deutsche. 30 Jahre wird er im November bereits an der Spitze der Orthodoxie stehen und mehr gereist sein als jeder seiner Vorgänger. Er traf einst Gaddafi in Libyen und war bei den schmelzenden Eisbergen der Arktis, durchstreifte verschwindende Regenwälder und trieb mit drei Päpsten den interreligiösen Dialog voran. Er fand harte Worte für islamistische Terroristen, redete Präsident Erdogan nicht nur einmal ins Gewissen und verlor dennoch nie den Respekt vor den Muslimen. So klein sein Reich in diesem Istanbul geworden sein mag, so groß geriet doch sein Wirken vor der Folie des einstigen Konstantinopel. Es ist diese Beharrlichkeit des Patriarchen, die Wirkmacht des historischen Erbes, ohne das Europa heute ganz anders aussehen würde, die Christen, egal ob orthodox oder katholisch, im Glauben wachsen lässt.

Orthodoxes Christentum
Dem Schisma von 1054 ging eine Entfremdung zwischen dem lateinischen Rom und dem griechischen Konstantinopel (Ostrom) voraus. Orthodoxe, im griechischen Wortsinn „die, die dem rechten Glauben folgen“, akzeptierten den Papst nicht länger als Oberhaupt. Die heute etwa 300 Millionen Gläubigen verteilen sich auf eigenständige Volkskirchen, denen je ein Patriarch vorsteht. Die zahlenmäßig größte ist die russische. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel gilt als „Erster unter Gleichen“ und ist somit geistliches Oberhaupt der Orthodoxie. 1965 hoben Papst und Patriarch die Exkommunikation wechselseitig auf. Ein Ende der Glaubensspaltung bleibt trotz der Bemühungen von Franziskus und Bartholomaios weiter unrealistisch.
Diese Reportage erschien in der November/Dezember-Ausgabe der allewelt im Jahr 2021.

