Es gibt uns Christen in Syrien noch.

Carla Audo

Syrien christliche Heldin der Hilfe

Interview: Interview von Christoph Lehermayr
8 min Lesedauer veröffentlicht am 17. April 2024

Zuerst zwölf Jahre Krieg und nun auch noch die Folgen des schweren Erdbebens: Die christliche Minderheit in Syrien kämpft um ihr Überleben. Warum die Menschen dennoch nicht aufgeben, erzählt die engagierte Helferin Carla Audo.

Die christliche Gemeinschaft in Syrien ist eine der ältesten der Welt. Vor Beginn des Bürgerkriegs gehörten ihr 1,8 Millionen Menschen an. Seither mussten viele fliehen oder wurden vertrieben. Doch die Verbliebenen geben selbst nach dem schweren Erdbeben vom Februar nicht auf. Eine von ihnen ist Carla Audo, eine tapfere 33 Jahre alte Frau, die ihrer geschrumpften Gemeinschaft besonders jetzt Hoffnung schenken will.

Wie war das Leben für Christinnen und Christen vor Beginn des Krieges?

Es war gut und friedlich. Ich wuchs in Aleppo auf, der großen Handelsmetropole, und habe armenische und syrisch-chaldäische Wurzeln. Das Zusammenleben unterschiedlicher Religionen war kaum von Konflikten überschattet. Im Rückblick war das damals in den 1990er-Jahren eine unbeschwerte Zeit. Ich konnte gute Schulen besuchen und später Bauingenieurswesen studieren. Wir alle blickten in diesen Jahren recht optimistisch auf unsere Zukunft. Aber leider sollte es anders kommen.

Was veränderte sich, als der Krieg kam?

Alles. Erst waren nur gewisse Landesteile Syriens von der Gewalt betroffen, aber schließlich kam der Krieg auch zu uns nach Aleppo. Es war ein einziger Albtraum: Bomben, Raketen, Granaten. Keiner von uns hatte das je zuvor erlebt. Die Gewalt, die Not, der Tod. Anfangs denkst du: Es wird trotzdem bald enden. Dann gewöhnst du dich daran und hoffst nur mehr, dass es deine Familie und du nur irgendwie überleben. Es ist einfach schrecklich.

War da nie, wie bei so vielen anderen, der Gedanke zur Flucht?

Ja, so viele verließen das Land, gerade auch von uns Christinnen und Christen. Und das auf illegalen, auf gefährlichen Wegen, zu Fuß oder über das Meer. Aber ich will hier bleiben: Hier ist immer noch meine Heimat, meine Familie, mein Ein und Alles. Klar, manchmal zweifle ich an dieser Entscheidung, aber dann bin ich wieder trotzig und denke mir, das ist und bleibt auch unser Syrien.

Was also tun, damit gerade die christliche Gemeinschaft eine Zukunft in Syrien hat?

Das ist schwierig und einfach zugleich. Wir brauchen hier eine Lebensgrundlage, ein Einkommen, Hoffnung, dass es sich auch in Zukunft lohnt, in diesem Land zu leben. Die Jahre des Krieges machten das nicht einfach. Aber ich arbeite seit 2019 für das „Christian Hope Center“, das ist eine Gemeinschaft, die gerade den Christinnen und Christen Perspektiven geben will. Sei es durch Mikrokredite, durch Hilfe für Handwerksbetriebe oder, dass Kinder eine gute Schulbildung erhalten. Unsere Gründer haben dazu ein sehr folgerichtiges biblisches Motto gewählt. Es lautet: „Lasst uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen!“ (Hebräer 10, 24).

Und nun das Erdbeben vom Februar! Welche Folgen hat es?

Das Beben ist das Schlimmste, was uns in dieser Lage passieren konnte. Denn unser Leben war schon zuvor so zerbrechlich, so ausgelaugt vom Krieg und dessen Folgen. Den Menschen fehlte es bereits davor an fast allem. Wegen der Sanktionen des Westens ist die Versorgungslage verheerend. Die Inflation hat alle Ersparnisse längst aufgefressen. Viele der Häuser waren vom Krieg zerstört. Und gerade, als wir zaghaft mit dem Wiederaufbau begannen, kam das Beben.

Was kann man in dieser Situation nun konkret tun?

Unser Zentrum trägt die Hoffnung im Namen und diese darf man, auch wenn es derzeit ziemlich schwerfällt, selbst in einer solchen Situation nicht verlieren. Das heißt, wir haben, auch dank der Unterstützung durch die Freunde von Missio Österreich, Nothilfe geleistet, also warmes Essen verteilt, Decken, Matratzen – alles, was man braucht, wenn man nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf hat. In den Wochen seither, geht es darum, sich einen Überblick zu verschaffen über die Häuser: Wo kann man noch wohnen, was muss abgerissen werden? Es braucht Notunterkünfte und dann natürlich eine Lebensgrundlage für die Menschen.

Wird es also eine Zukunft für Christinnen und Christen in Syrien geben?

Das entscheidet sich gerade jetzt. Wir haben bereits so viele Menschen verloren, aber es gibt uns noch und wir wollen bleiben. Damit das gelingt, brauchen wir Hilfe. Natürlich erst einmal im Gebet. Aber auch finanziell. So dass wir uns selbst wieder erhalten können und die Chance auf ein Leben in Würde haben. Am wichtigsten ist, dass die Welt uns nicht vergisst, dass die Brüder und Schwestern im Glauben Syrien nicht nur als Bürgerkriegsland, als ein Land nach dem Erdbeben sehen, sondern eben auch als ein Land mit einer weit zurückreichenden christlichen Tradition, in der es uns Christinnen und Christen bis heute gibt.

Künstler aus aller Welt: Diesmal aus DEN NIEDERLANDEN

Wechselnde Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt gestalten das Porträt auf dieser Seite. Diesmal tut das Andreea Nae aus den Niederlanden. Sie malt meist Stadtlandschaften, Menschen und Tiere und ihre Werke finden sich in Privatsammlungen auf der ganzen Welt. „Carla als Aquarell zu zeichnen, war eine großartige Aufgabe, da ich lockere Pinselstriche mit präzisen Gesichtszügen kombinieren konnte“, sagt sie, „Carla ist eine sehr ausdrucksstarke Person und ich verwendete einen hellen Hintergrund, um das Positive und die Hoffnung zu betonen, die Carla mit ihrer Mission bringt.“

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