Die große Schwester des Guten
Wenn ein Mädchen fünfzehn ist, gilt es in Indien als heiratsfähig. Wenn eine Frau geschlagen wird, bleibt sie meist. Doch in einem Slum von Kalkutta geht eine junge Katholikin dazwischen. Sie verteilt kein Mitleid, sondern Möglichkeiten – und bleibt.
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Tik, tak. Tik, tak. Du schaust auf den Zeiger. Das Ticken hast du verinnerlicht. Es bestätigt nur, was du längst weißt: Die Zeit läuft dir davon. Du bist fünfzehn. Hast langes schwarzes Haar, das dir ins Gesicht fällt, sobald du den Kopf senkst. Dein Zuhause misst vielleicht drei Schritte in die eine und drei in die andere Richtung. Hebst du die Hand, streifst du beinahe das Wellblechdach. In den Ritzen stecken Plastiksackerl und zusammengerollte Kleidung – nichts darf verloren gehen. Blau abgeplatzte Wände, feucht vom letzten Monsun, an manchen Stellen blüht der Schimmel wie eine dunkle Landkarte. Auf dem schmalen Regal zwei kleine Plastikfiguren unter staubigen Hauben, daneben eine Blechdose, ein Becher, ein Kübel. Dein ganzes Leben passt auf diese Bretter. Hinter dir das Bett – tagsüber Tisch und Spielplatz für deine jüngeren Geschwister, nachts Lager für alle. Seit deine Eltern tot sind, hat die Zeit eine andere Geschwindigkeit. Sie rennt, während du stehen bleibst. Dabei hältst du alles zusammen. Du wäschst, kochst, schleppst Wasser, passt auf. In fremden Haushalten schrubbst du Böden, spülst Geschirr, bist das Mädchen für alles, damit am Abend ein paar Rupien mehr in der Dose liegen. Und trotzdem reicht es nie.
Er verlange keine Mitgift
Du denkst an die Schule. An Hefte mit geraden Linien, an Zahlen, die sich ordnen lassen. Hier ordnet sich nichts. Deine Tante sagt, ein Mann habe Interesse. Einundzwanzig sei er. Er verlange keine Mitgift, weil du so jung bist. Als wäre das ein Vorteil. Du weißt, was es bedeutet: ein Zimmer gegen ein anderes tauschen. Eine Last weniger für die Tante sein.
Du schiebst den Vorhang zur Seite und trittst hinaus, als könntest du der Entscheidung entkommen. Die Gasse ist schmal wie ein Riss im Beton, der Boden glitschig vom Wasser, das in den offenen Abfluss rinnt. Ein Mann steht barfuß im Seifenschaum, Töpfe lehnen an den Wänden, Wäsche hängt tief über deinem Kopf. Es riecht nach Vermodertem, nach Abwasser, nach etwas Süßlichem, das in der Hitze kippt. Hinter dir das Flüstern der Nachbarn: Einundzwanzig also. Er verlange keine Mitgift. Und ja, heißt es leiser, er nehme Drogen, verliere die Kontrolle, sei oft nicht bei klarem Verstand. Aber wer sonst wolle dich schon?
Ein Mund weniger
„Anjali!“, ruft jemand. Dein Name bleibt zwischen den feuchten Wänden hängen. „Anjali“. Du drehst dich nicht um. Du willst lernen. Zurück in ein Klassenzimmer. Doch hier zählt nicht dein Wille. Hier zählt Entlastung. Ein Mund weniger. Eine Sorge weniger. Schritt für Schritt drängt dich die Gasse vorwärts, als führe sie dich zu diesem Mann. Kein Lehrer tritt heraus. Kein Nachbar stellt sich dazwischen. Kein Verwandter sagt: „So nicht!“ Das schmutzige Wasser rinnt an deinen Füßen vorbei, und der Gedanke wird klar bis zum Schmerz: Wenn jetzt niemand kommt, wenn keiner eingreift, wird aus dir, Anjali, eine gebrochene Frau, bevor sie je ein Mädchen sein durfte.
Ein Zug prescht heran. Das Rattern frisst den Gedanken, lässt das Wellblech klirren. Für Sekunden nur Stahl auf Stahl. Der Zug ist durch, und schon steigen wieder Menschen über die Schienen. Zwischen den Schwellen liegt Müll, Ölflecken glänzen im Staub. Eine junge Frau wartet kurz, dann huscht auch sie in ihrem blauen Baumwoll-Salwar mit den anderen hinüber. Die Haare hat sie im Nacken gebunden, in der einen Hand ein Handy, in der anderen ein schmales Notizbuch. Ein alter Mann grüßt. Ein Kind ruft ihren Namen. Sie nickt, bleibt stehen, hört zu, notiert, geht weiter.
Die, die handelt
Das Viertel Nummer 58 ist ein Slum im Süden von Kalkutta. Fast 90.000 Menschen leben hier, gedrängt zwischen Schienen, Abwasserkanälen und Wegen, die kaum breiter sind als ausgestreckte Arme. Kalkutta, die Stadt mit mehr als 14 Millionen Menschen, steht seit Mutter Teresas Zeiten für Armut. Sie wirkte hier, half, begleitete Sterbende. Die Bilder von damals blieben. Die Stadt wuchs weiter. Die Armut auch.
Im Viertel Nummer 58 wird geschlachtet und geschweißt, Messer werden geschliffen, Motoren repariert, Reis verkauft, Schulden gemacht und beglichen. Frauen hocken vor Plastikbottichen, Männer sitzen auf umgedrehten Kübeln, Kinder balancieren über die Gleise, sobald der Zug vorbei ist. Der Alltag ist laut und eng. Und manchmal gilt: Fünfzehn ist alt genug.
Die junge Frau, die eben die Schienen überquert hat, heißt Jyoti Chowdhury. Sie ist Sozialarbeiterin bei Seva Kendra, der örtlichen Caritas. Von Anjalis geplanter Ver-
heiratung hat sie über eine Nachbarin erfahren. Fünfzehn sei das Mädchen. Der Mann einundzwanzig. Er verlange keine Mitgift.
Also ging Jyoti hin. Eine solche Ehe verstoße gegen das Gesetz, habe sie der Tante erklärt. Es drohten bis zu 150.000 Rupien Strafe, rund 1.700 Euro – und im Extremfall Haft. Nicht Jyoti fürchtet man, sondern ihren Gang zu den Behörden. Sie bot eine Alternative an: das Study Center von Seva Kendra, einen Lernraum für Mädchen aus dem Viertel. Unterricht. Betreuung. Zeit. Die Tante hörte zu. Sie rechnete. Und sie gab nach. Die Uhr tickt weiter. Für Anjali schlägt sie nicht mehr ganz so schnell. Vorerst.
Die, die lernen
Jyoti geht durch die schmalen Gassen weiter und betritt eine niedrige Hütte mit abblätternder grüner Farbe. Über dem Bett hängt wieder eine Uhr. Daneben das gerahmte Foto eines Mannes mit ernstem Blick. Pakhis Vater. Auch er ist tot.
Pakhi ist dreizehn. Sie besucht die siebte Klasse der staatlichen Schule – im Viertel mehr Ausnahme als Regel. Als Jyoti sie vor drei Jahren kennenlernte, merkte sie sofort, dass dieses Mädchen mehr will, sagt sie. Schlau, wach, neugierig. Also organisierte sie ihr einen Platz im Study Center von Seva Kendra.
Pakhi sitzt auf dem Bett, die Beine angezogen, und stellt ein von ihr gebasteltes Modell der Zukunft auf die Decke mit den großen Sonnenblumen: kleine bunte Häuser aus Karton, ein Tempel, schmale Wege. Auf einem Schild steht: „Child Marriage Stop“. Auf einem anderen: „Drainage Problem Solved“. Daneben: „Study Center“. Pakhi zeigt, wo der Abfluss repariert wurde, wo Mädchen weiter zur Schule gehen, wo noch Müll liegt. Sie spricht schnell, führt den Finger über die kleinen Wege. Bekommen Frauen aus der Nachbarschaft offizielle Briefe, können sie diese nicht lesen. Pakhi übernimmt das. Sie schreibt Anträge für sie, füllt Formulare aus. Jyoti hört ihr zu und lächelt kaum merklich. Pakhi sieht zu ihr auf, wenn sie spricht.
Nicht jede bekommt Zeit
Für Pakhi öffnet sich ein Weg. Preeti steht vor dem Ende eines anderen. Zweiundzwanzig ist sie. Sie hält ihr Baby Maria auf dem Arm, während Ankita, zweieinhalb, im Türrahmen sitzt und hinaus in die Gasse schaut. Mit achtzehn wurde Preeti verheiratet. Zur Schule ging sie nie. Ihr Mann liefert Wasser in Kanistern aus, lesen und schreiben kann auch er nicht. Als sie mit der ersten Tochter schwanger war, schlug er sie. Preeti ging zur Polizei. Es wiederholte sich, als sie erneut schwanger wurde. Er habe sich Söhne gewünscht, sagt Preeti und zuckt mit den Schultern. Zwei Mädchen akzeptiere er nicht.
Noch lebt Preeti hier. Mit ihm. Im selben Raum. Diesmal will sie die Scheidung durchziehen. Jyoti sitzt ihr gegenüber und spricht ruhig über ein Trainingsprogramm. Nähen. Kosmetik. Ein eigenes Einkommen. „Wenn sie geht, muss sie wissen, wovon sie lebt“, sagt sie. Ohne Geld bleibe jede Entscheidung wacklig. Preeti streicht Maria über den Kopf und hebt den Blick. Sie will, dass ihre Töchter lernen, sich zu wehren.
Empathie statt Mitleid
Am Rand eines Sees mitten im Viertel Nummer 58 drängen sich die Häuser aneinander, Wäsche hängt über dem grauen, stehenden Wasser, Plastik treibt zwischen den Ufern, dahinter wachsen die Hochhäuser Kalkuttas in den Himmel. In einer dieser Hütten lebt Nazma Khatoon, zweiunddreißig Jahre alt. Vor zwei Jahren erhielt sie die Diagnose Brustkrebs. Vier Chemotherapien hat sie hinter sich. Rund 40.000 Rupien, etwa 450 Euro, kostete das. Keine Familie hier kann allein so viel aufbringen. Jyoti sprach mit Nachbarn, mit Ladenbesitzern, mit Verwandten, erklärte die Situation, sammelte Geld. Viele gaben wenig. Am Ende reichte es. Nazma erhielt Hilfe.
So arbeitet Jyoti Chowdhury. Von Tür zu Tür, von Person zu Person. In ihrem Notizbuch stehen keine Aktenzeichen, sondern Gesichter. „Die Menschen dort brauchen nicht mein Mitleid, sondern meine Empathie – no sympathy but empathy“, sagt sie auf Englisch und lächelt kurz, fast entschuldigend, als müsse sie ein Missverständnis ausräumen. Wer nur komme und rufe, wie leid ihm alles tue, werde im Slum nicht ernst genommen. „Wenn ich sage: Oh, du bist so arm – das hilft null.“ Nüchtern bleiben, zuhören, Möglichkeiten aufzeigen. Darum geht es.
Jyoti ist siebenundzwanzig. Drei Schwestern, ein Bruder, untere Mittelschicht. Nicht reich, aber in anderen Verhältnissen aufgewachsen als die Frauen im Viertel Nummer 58. Fast aber hätte sie selbst nach der Grundschule aufhören müssen. Das Geld war knapp, und wenn nur eines der Kinder weiterlernen sollte, dann der Sohn. Erst eine Sozialarbeiterin stellte ihrer Mutter die Frage, warum nicht auch die Tochter. „Da habe ich verstanden, wie schnell Mädchen zurückgestellt werden.“ Jyoti durfte auf die High School. Nachmittags unterrichtete sie dort jüngere Kinder aus der Nachbarschaft. Bildung war für sie kein Ideal. Sie war Schutz.
An der Universität begegnete sie Seva Kendra, der örtlichen Caritas von Kalkutta. Ein Dozent habe ihr gesagt, er sehe bei ihr die Kraft, Gemeinschaften zu stärken, sie zu verändern. Warum für große Firmen arbeiten, wenn sie für Menschen arbeiten könne – auch wenn das weniger Geld bedeute. Jyoti probierte es aus. Und blieb.
Keine Tagträumerin
Vom romantischen Bild der Sozialarbeiterin hält sie nichts. „Es gibt diese Vorstellung, wir spazieren ein bisschen herum und verteilen vielleicht Geld.“ Jyoti schüttelt den Kopf. „Das ist Blödsinn.“ Sie arbeitet im Team, mit klaren Zielen, über Jahre hinweg. Ihre Arbeit wird gemessen: Wie viele Kinder brechen die Schule ab – und wie viele bleiben inzwischen. Wie viele können lesen. Wie viele Familien haben Zugang zu sauberem Wasser. Wie viele Geburtsurkunden wurden ausgestellt. „Wenn ein Kind keine hat, existiert es nicht.“ Also begleiten sie Eltern zu Behörden, erklären Formulare, setzen Rechte durch. „Wir geben kein Geld. Wir zeigen Wege.“ Nicht jeder geht sie.
Für Jyoti ist das mehr als ein Beruf. Sie ist gläubige Katholikin. „Es ist Gottes Werk“, sagt sie ruhig. Kein Pathos in der Stimme. „Ich kann für ihn ein Instrument sein.“ Gott bedeutet für sie Verantwortung. Die Älteren im Viertel erinnern sich noch an Mutter Teresa, an die kleine Frau im weißen Sari. Für Jyoti ist sie ein Vorbild – nicht wegen der Bilder, sondern wegen der Konsequenz.
Als Jyoti vor drei Jahren im Viertel begann, sei der See eine Kloake gewesen, viele Kinder brachen die Schule ab oder hatten sie gar nie begonnen. „Wir haben also bei den Kindern angefangen.“ Nachmittagskurse, Hygiene, Lesen und Schreiben. Die Mütter kamen später automatisch. Eine erzählte es der anderen. „Für mich gibt es im Viertel keine Ausweglosigkeit“, sagt Jyoti und schaut noch einmal in Richtung der engen Gassen. „Ich sehe die Veränderung. Und dann weiß ich, was alles noch möglich ist.“
Anjali – die Gabe
Du sitzt wieder in dem kleinen Raum. Das Heft liegt vor dir, der Stift kratzt über das Papier. Draußen fährt der Zug vorbei, das Wellblech zittert. Die Uhr tickt noch immer. Aber sie jagt dich nicht mehr. Im Viertel nennen sie Jyoti auch „didi“ – die große Schwester. Sie hat dir Zeit verschafft und ist geblieben. So wie du. Anjali – auf Bengalisch, deiner Sprache, bedeutet das „Gabe“. Seit Jyoti weißt du, dass du tatsächlich eine bist.

Arm in Indien
Innerhalb von 40 Jahren hat sich Indiens Bevölkerung fast verdoppelt. Der wirtschaftliche Boom senkte den Anteil der Armen enorm. Doch weiterhin müssen etwa 15 Prozent der Menschen hungern. Trotz ihres geringen Anteils an der Bevölkerung (1,6 %) ist der Einfluss der katholischen Kirche viel größer. Sie betreibt ein Fünftel aller Schulen im Land und ist in der Sozialarbeit unersetzlich.

