Wo Glaube nicht flieht
Was verbindet einen Österreicher des 19. Jahrhunderts, der Ungeahntes wagte, mit einem Missionar in den Wirren des Südsudans von heute? Eine Reportage darüber, was trägt, wenn alles andere versagt.
Reportage zum Anhören
Sechsmal steuert Ignaz Knoblecher per Schiff den Weißen Nil hinauf. 1849 beginnt er diese Fahrten als „Generalvikar der Mission“ – hinein in ein Territorium, das auf europäischen Karten leer bleibt. Geboren in der Krain, im heutigen Slowenien, kommt er aus einer Welt, die Ordnung kennt. Der Nil kennt sie nicht. Nach der ersten Rückkehr weiß er, was das bedeutet: Hitze, die den Kopf leert. Wasser, das stehen bleibt. Sümpfe, in denen man zu versinken droht. Trotzdem bricht er wieder auf. Und wieder. Er widersetzt sich einer Natur, die keinen Menschen braucht und keinen schont. Seine Mission steht unter dem Schutz Seiner Apostolischen Majestät Kaiser Franz Joseph und der Kirche. Gegen Fieber und Erschöpfung hilft das nicht.
Österreichs Mission am Nil
Knoblecher ist kein Abenteurer, sondern ein Gelehrter. Ein Mann Gottes, vom Papst als apostolischer Vikar für das Gebiet des heutigen Sudan ernannt, will er das Evangelium in eine terra incognita tragen. Dorthin, wo Wege verschwinden und nur Krankheiten bleiben. Die größere Gewalt aber geht von Menschen aus. Arabische Sklavenjäger ziehen durchs Land. Sie töten Eltern, verschleppen deren Kinder und verhökern sie in Ketten gelegt auf Märkten. Knoblecher und seine Missionarsbrüder aus der Monarchie stellen sich klar dagegen – und greifen ein. Sie kaufen Kinder frei, bringen sie außer Reichweite der Händler, taufen sie, bilden sie aus. Taufe ist hier keine Metapher. Sie markiert eine Grenze. Generalvikar Ignaz Knoblecher wird so zu „Abuna Soliman“, wie ihn bald alle nur noch nennen – unser Vater, der Mann des Friedens.
Dort, wo es nicht mehr weiter geht, der Nil unbefahrbar wird, wo zuvor kein Europäer je war, entsteht Gondokoro – das Tor der Löwen, wie es in der Sprache der Bari heißt. Die erste Missionsstation im heutigen Südsudan. Am Ende rebelliert Knoblechers Körper. Bereits krank, fährt er nach Europa und stirbt 1858 in Neapel. Zurück bleibt kein fertiges Werk. Aber etwas gerät in Bewegung: Missionare stellen sich der Logik von Ausbeutung und Gewalt entgegen – nicht mit Worten, sondern in Taten.
Das Vermächtnis von Gondokoro
Am Rand von Gondokoro steht heute ein schlichtes Holzkreuz. Der Weiße Nil schleppt sich träge vorbei, als hätte er nichts vom Vergangenen bemerkt. Pater Gregor Schmidt bleibt davor stehen, im kurzärmeligen Hemd, neben einem lokalen Priester. „Die Leute erinnern sich, dass vor gut 170 Jahren ein weißer Missionar hier gelebt hat“, sagt er. „Er war angesehen, hat sich eingefügt und sich offen gegen den Sklavenhandel gestellt.“ Mehr ist von Ignaz Knoblecher nicht geblieben. Kein Grab, kein Bau, kein Werk. Gondokoro war Anfang und Abbruch zugleich. Doch seine Erfahrung wirkte weiter. Daniel Comboni, der wenige Jahre später in den Sudan kam, nahm sie auf und zog Konsequenzen: Die Kirche sollte von Afrikanern selbst getragen werden. Pater Gregor steht heute an diesem Kreuz als Teil dieser Linie. Nicht als Chronist, sondern als einer, der weiß, dass Mission nie abgeschlossen ist. Gondokoro ist kein Denkmal. Es ist ein Ort des Aufbruchs.
Und so steigt Pater Gregor in den Geländewagen. Der Motor springt an, Staub steigt auf. Der Weg führt vorbei an Rinderherden hinein nach Juba, eine Hauptstadt ohne Mitte. Eine Brücke über den Nil, wilder Verkehr, Checkpoints. Der Südsudan ist der Welt jüngster und ärmster Staat, geboren aus einem der längsten Kriege Afrikas. Jahrzehnte des Kampfes des christlich geprägten Südens gegen den muslimischen Norden, Hunderttausende Tote, Millionen Vertriebene, Generationen aufgewachsen in Gewalt, Flucht und Verlust. Selbst heute bleibt der Frieden brüchig. Rund 60 Ethnien leben im Land und die Politik versteht es, die Bruchlinien zu nutzen. Kaum ein ausländischer Missionar kennt den Südsudan besser als Pater Gregor.
Geboren in Berlin, ist er seit fast zwei Jahrzehnten als Comboni-Missionar hier. Viele Jahre lebte er unter dem Hirtenvolk der Nuer, der zweitgrößten Ethnie des Landes – weit draußen, in völliger Abgeschiedenheit, ganz nah an einem Stamm, der weit später als andere zum Christentum fand. Er kennt die Nuer nicht aus Büchern, sondern von Märschen durch überschwemmtes Land, bis zum Bauch im Wasser, tagelang unterwegs zu ihren Dörfern. Heute aber führt sein Weg zu Bretterbuden, Wellblechverschlägen, einer ganzen gewaltigen Siedlung am Rande von Juba. Rund dreißigtausend vertriebene Nuer leben hier. Ein Faustpfand interner Konflikte, die ihre Dörfer zerstörten und sie hier, fern ihres angestammten Siedlungsgebiets, stranden ließen.
Das Schöne im Schlamm
Vor einer Kirche steht ein Mann in Schlapfen im Schlamm. Er wischt sich die Füße an einem Lappen ab, lange, sorgfältig, als wolle er Zeit gewinnen. Dann streicht er sein Hemd glatt und tritt ein. Drinnen ist es dunkel. Das Licht fällt gefiltert durch Planen, auf denen noch das blaue Logo der UNO schimmert – Relikt einer internationalen Ordnung, die weitergezogen ist. Die Kirche: Wellblech, Holzpfosten, Plastikstühle.
Draußen setzt Regen ein, schwer, tropisch, laut. Drinnen köchelt die Erwartung. Es ist Sonntag. Pater Gregor steht am Altar, im weißen Messgewand, schlicht, abgetragen. Kein Schmuck, kein Glanz. Er ist hier ein Zeichen. Er ist nicht Gast, nicht Beobachter. Er steht da, als wäre er immer hier gewesen. Draußen mag der Boden aufgeweicht sein, roter Schlamm an Schuhen und Hosenbünden kleben bleiben, es mag Wasser auf den Wegen zwischen den Hütten stehen. Aber hier drinnen tragen Menschen ihr bestes Tuch. Saubere Hemden, kräftige Farben, gelbe und rote Stoffe, sorgfältig gebundene Kopf-tücher, Glasperlen, die im Halbdunkel aufblitzen. Kleidung, sonst geschont, vorbehalten für diesen Höhepunkt. Die Kirche ist voll. Alte Frauen hocken dicht an dicht, junge Mütter mit Kindern auf dem Schoß, Jugendliche stehen an den Seiten. Einige tragen Spuren der Flucht am Körper. Andere tragen sie im Blick. Der Chor singt, rhythmisch, getragen, Stimmen füllen den Raum. Regentropfen prasseln aufs Dach, als wollten sie dazwischenreden. Es gelingt ihnen nicht.
Pater Gregor predigt in der Sprache der Nuer. Kein Übersetzen, kein Vermitteln. Er spricht direkt. Über Jesus, nicht als ferne Figur, sondern als Gegenwart. Über einen Glauben, der nicht vor Gewalt schützt, aber Kraft gibt, ihr nicht nachzugeben. Er sagt, die Menschen seien seit den Anfängen der Kirche von Jesu Präsenz ergriffen. Dass der Geist empfangen werde, um in Frieden zu leben. Vergebung ist nie moralischer Luxus. Sie ist der erste Schritt in die Freiheit. Wem Gott vergibt, der ist frei. Nur so finde Gottes Liebe Eingang ins Herz – eine Liebe, die verändert. Den Einzelnen. Und damit die Welt. Dann wird sein Wort schärfer. Er sagt, sie alle wüssten, dass dieses Camp ein Ort der Unsicherheit und der Gewalt sei. Vor ihnen liege harte Arbeit: Menschen guten Willens zusammenzubringen. Christinnen und Christen. Um sich dem Bösen in den Weg zu stellen. Nicht später. Jetzt. Er erinnert daran, dass die Kirche als kleine Gemeinschaft begonnen habe, verletzlich, bedrängt. Und dass gerade der Glaube sie stark machte – stark genug, Hoffnung zu werden. Eine wachsende Gemeinschaft.
Pater Gregors Appell
Die Menschen hören zu. Selbst zuvor quirlige Kinder sitzen still. Alte Männer nicken. Frauen schließen die Augen. Wenn Pater Gregor sagt, man könne Gottes Regeln nicht aus eigener Kraft befolgen, sondern nur, wenn Gott selbst ins Herz trete, dann ist das hier keine Theologie. Es ist Erfahrung. Am Ende spricht er einen Satz, der sich tief eingräbt: „Vergesst nie, Jesu Kinder sind in allen Stämmen dieses Landes!“ Kein Gegenüber. Kein Feind. Kein „die anderen“. Dann spricht die Nuer-Gemeinde gemeinsam, laut, klar, wie eine Selbstvergewisserung: „Jesus ist mein Herr und mein Gott.“ Der Regen fällt weiter. Das Wellblech vibriert. Aber für einen Moment ist das Camp kein Ort der Flucht, sondern ein Raum des Glaubens. Und Pater Gregor steht mitten darin – nicht als Retter, sondern als Teil einer Gemeinschaft, die bleibt.
Nach der Messe zerstreut sich die Gemeinde nicht gleich. Etliche rücken Plastiksessel nach, setzen sich enger zusammen. Sie bilden einen Halbkreis um Pater Gregor. Es ist der Camp-Rat, viele von ihnen sind Katechisten. Auch im Sitzen bewahren sie eine aufrechte Haltung. Sie sprechen leise, sachlich. Und berichten von dem, was fehlt: zu wenige Latrinen, verschmutztes Wasser, Krankheiten. Davon, dass die Vereinten Nationen dieses Lager 2023 an den Staat übergaben – und dass seitdem niemand mehr zuständig ist. Kriminelle Gruppen kämen nachts, sagen sie. Kinder seien verschwunden. Einer hebt sein Handy. Auf dem Display das unscharfe Foto eines Buben. Vermisst. „All das ertragen wir nur wegen unseres Glaubens“, sagt er. Dann, leiser: „Aber der Hunger bringt uns langsam um.“
Die Würde in der Not
Je länger das Gespräch dauert, desto klarer wird, dass dieses Camp mehr ist als ein Ort der Not. Es ist ein politisches Druckmittel. Die Menschen hier sind Nuer. In der Stammeslogik des Südsudan reicht das, um zu Gegnern der von den Dinka dominierten Regierung zu werden. Sie müssen bleiben, weil ihre Ohnmacht nützt. Offiziell heißt dieser Ort PoC 3 – Protection of Civilians. Doch Schutz bietet keiner. Dabei leben hier Zehntausende. Pro Tag, so berichten die Bewohner, sterben zwischen zehn und dreißig. An Krankheit, Erschöpfung, Hunger. Zahlen, die niemand überprüft. Und die gerade deshalb stehen bleiben. Pater Gregor hört zu. Er macht sich Notizen, stellt kurze Fragen. Mehr kann er in diesem Moment nicht tun. Das Camp ist ein wuchernder Organismus. Aus Planen sind Hütten geworden, aus Hütten Läden. Einzelne Verschläge verkaufen Seife, Zwiebeln, Öl. Eine Stadt im Wartestand.
Er besucht Teresa. Vierzig Jahre alt, sechs Kinder. Wie viele Nuer ist sie groß gewachsen, die Schultern breit, der Blick ruhig. In ihrer Erscheinung liegt eine Würde, eine innere Ruhe, die der Not da draußen trotzt. Teresa ist Witwe. Ihr Mann verschwand im Krieg, seine Leiche wurde nie gefunden. Sie spricht ohne Klage. Von der Angst auf dem Weg zur Krankenstation. Davon, dass die Latrinen seit Monaten nicht mehr geleert werden. Dann, mit Stolz in der Stimme, von ihren Kindern. Fünf von sechs gehen zur Schule. Darauf legt sie Wert. Sie stickt, verkauft Kissen, bringt ihre Familie von Tag zu Tag durch. Der Älteste trägt mit kleinen Arbeiten bei. Teresas Wunsch ist einfach: dass die Kinder lernen. Und eines Tages dieses Camp verlassen können. Pater Gregor betet mit der Familie.
Zurück an den Nil
Auf dem Weg zurück wird er immer wieder angehalten. Hände berühren seine Schulter. Ein Kranker liegt auf dem Boden einer Hütte, in eine Decke gewickelt. Gregor kniet sich zu ihm, spendet die Salbung. Keine Geste des Spektakels. Eine des Dableibens.
Dieses Lager überlebt nicht, weil es gut organisiert ist. Es überlebt, weil die Menschen hier eine innere Ordnung bewahrt haben. Doch über allem hängt ein Damoklesschwert: die Entscheidung der Politik, dieses Provisorium jederzeit aufzulösen. Fällt sie, wird dieses Camp nicht verlegt. Es endet. Bis dahin bleibt dieser Ort in der Schwebe. Nicht aus Nachsicht, sondern aus Kalkül. Was hier trägt, ist keine politische Perspektive. Es ist Widerstand – still, hartnäckig, getragen von einem Glauben, der nicht flieht. Als Pater Gregor das Camp verlässt, ist der Boden noch feucht vom Regen. Er steigt in den Wagen. Der Weg führt wieder hinaus, am Nil entlang.

