Wo die Kirchendächer wachsen

Wenn eine Naturkatastrophe die nächste jagt und die einzig vorhandenen Währung Ziegen sind, braucht es Mumm und Expertise, um Armut wirklich nachhaltig zu bekämpfen. Im Norden von Kenia widmen die erfahrensten Manager und couragiertesten Seelsorger ihr Können genau diesem Anliegen. Mit zunehmendem Erfolg.

Text und Fotos: Anne Fleck
18 min Lesedauer

Regen. Seit Tagen. Eigentlich schon seit Wochen. Das letzte Mal hat es vor fünf Jahren richtig geregnet. Alles war verdorrt. Und jetzt ist vieles überschwemmt. „Ich fürchte, unsere Geldgeber haben irgendwann die Nase voll. Während ich den Abschluss der Hilfsprojekte für die Dürre-Katastrophe vorbereite, schreibe ich schon den Antrag für die Flut-Hilfe. Das ist hier der Lauf der Dinge.“ Die Turkana, das größte und ärmste County Kenias, bewohnt vor allem vom Volk der Turkana, ist keine Region, die es einem leicht macht. Vielleicht liegt sie John Jegede, Caritas-Chef der Diözese Lodwar und langjährigem Missio-Projektpartner, deshalb so am Herzen. Man muss lernen, sie zu lieben. Wenn man das erfolgreich getan hat, ist es fast unmöglich, sich ihrem Reiz zu entziehen: Den Turkana-Frauen, die ihre Häuser selbst bauen. Den unendlichen Weiten einer sich immer wieder radikal verändernden Landschaft. Der Kirche, die hier so präsent an der Seite der Menschen ist, dass sie in vielen Fällen die untätige lokale Regierung ersetzt. Den omnipräsenten Ziegen- und Kamelherden, und ihren Hirten, die zu jeder Zeit einen kleinen Schemel, den Ekicholong, bei sich tragen.

Turbulentes Territorium

Jegede ist Experte für Entwicklungszusammenarbeit. Der Nigerianer lebt seit vielen Jahren in Kenia. Auf die Frage, ob die erneute Katastrophe ihn überfordert, erklärt er gelassen: „Das ist meine Arbeit. Wir sind hier bei den Menschen. Was mich ärgert, ist, dass nicht alle, die hier sind, wirklich etwas verändern wollen. Hier gibt es so viel. Und so wenig tut sich. Manches Geld wird nur dazu genutzt, dass alles so bleibt, wie es immer war. Oder damit sich die Einflussreichen schöne Ferienhäuser in Nairobi bauen.“ Dass die Kirche anders ist, zeigt sich daran, dass die Autos der Diözese Lodwar die einzigen sind, die sich in der ganzen Region frei bewegen können. „Durch die Turkana fährt keiner ohne Sicherheitskräfte. Weder die Regierung noch die UNO oder die anderen Hilfsorganisationen. Wir tun es. Wenn die Menschen sehen, dass wir zur katholischen Kirche gehören, werden wir überall mit offenen Armen empfangen.“ Dass das nicht selbstverständlich ist, liegt an der simplen Tatsache, dass es hier immer wieder zu kleineren gewaltsamen Konflikten kommt. Die Region ist eine turbulente. An der Grenze zu Uganda, dem Südsudan und Äthiopien gelegen, beherbergt die Turkana eines der größten Flüchtlingslager der Welt: Kakuma. 

Einst wurde es als Provisorium für die Lost Boys, die Kriegswaisen und geflüchteten Kinder aus dem Südsudan, viele von ihnen Kindersoldaten, gegründet. Heute leben über 300.000 Menschen dort. Manche in der dritten Generation. Der Versuch, es vor ein paar Jahren zu schließen, ist gescheitert. Es kommen immer noch täglich neue Flüchtlinge dort an. Auch die Rivalität der Hirten um die wegen der häufigen Dürreperioden immer kleiner werdenden Weidegründe trägt nicht dazu bei, die Grenzregion Turkana zu stabilisieren. Mit einem Maschinengewehr bewaffnete Ziegenzüchter sind hier kein außergewöhnlicher Anblick. Die Mitarbeiter der Diözese Lodwar sind durch die allgegenwärtigen Waffen wenig verunsichert. Joshua Taban, verantwortlich für Nothilfe-Maßnahmen, erläutert: „Sie bekommen die Waffen manchmal sogar von der kenianischen Polizei ausgehändigt. So kommt es zu weniger Überfällen durch andere Hirten.“

Mehr Wasser, mehr Ziegen

Sicher sind es auch die groben Gegensätzlichkeiten wie Gewaltbereitschaft und Liebe zur Kirche, die diese Gegend so faszinierend machen. Auch die Wassermassen bringen ebenso Zerstörung wie Segen. Während Menschen obdachlos werden und in den Fluten umkommen, sind die Ziegenbesitzer, die nicht direkt am Fluss leben, überglücklich. Auch Father Ernest, selbst Turkana und passionierter Seelsorger, prognostiziert vorfreudig: „Die Gläubigen werden jetzt Ziegen zur Gabenbereitung in die Messe bringen. Dann wird auch für uns Priester das Leben wieder leichter.“ Hinter dieser erstaunlichen Aussage liegen zwei Tatsachen verborgen. Erstens: In vielen afrikanischen Ländern geben die Menschen in der Messe zur Gabenbereitung nicht nur Geld, sondern alles, was im praktischen Leben nützlich ist. So werden auch Putzmittel, Mangos, oder eben Ziegen, zum Altar gebracht. Und zweitens bekommen die Priester hier kein Gehalt. Sie müssen unter anderem von den Gaben der Menschen leben. Wie schwer das ist, wird deutlich, als Father Ernest in einer Feldmesse den Klingelbeutel herumgibt und von der ganzen Gemeinde 30 kenianische Schilling, eine 10 Schilling und eine 20 Schilling Münze, zusammenkommen. Umgerechnet sind das weniger als 25 Cent.

Der Priester weiß nur zu gut, wieso das so ist. „Die Menschen haben nichts. Sie geben, was sie können. Und das ist eben oft leider gar nichts. Aber wenn es geregnet hat und in der Wüste wieder etwas wächst, kriegen die Ziegen schnell viele Junge. Dann geht es allen besser.“ Man muss verstehen, wie sehr Ziegen hier Währung und Wohlstand bedeuten, um zu akzeptieren, dass die große Not der brutalen Regenfälle als Geschenk vom Himmel erlebt wird. Es geht um mehr als nur den überwältigenden Anblick einer plötzlich umwerfend grün-weiß blühenden Steinlandschaft, die vorher jahrelang nur Staub hervorgebracht hatte.

Die Last der Polygamie

Ziegen sind hier das Maß aller Dinge. In einer Kultur, deren essenziellster Bestandteil ist, dass die Männer als nomadische Hirten tätig sind, regeln die Tiere auch die wichtigsten zwischenmenschlichen Anliegen. Die Turkana leben traditionell polygam. In diesem System spielt die Mitgift eine zentrale Rolle. Mehr Ziegen bedeutet daher mehr Ehefrauen. Ein turkanischer Mann ist üblicherweise nie ohne seine Ziegen, ein scharfes Messer und seinen Ekicholong unterwegs. Von diesem winzigen Hocker, der als Kissen und als Sitzgelegenheit verwendet wird, besitzt jeder erwachsene männliche Turkana ein selbstgeschnitztes Exemplar, das er sein Leben lang bei sich behält und das kein anderer benutzen darf. Wenn die Hirten nicht unterwegs sind, halten sie sich bei einer ihrer Frauen auf, in Hütten, die diese selbst gebaut haben. Für Father Ernest ist das nicht einfach. In seiner Kultur gelten nur Männer mit Ziegen, Frauen und Kinder. Der Zölibatäre erklärt: „Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, sagt mir meine Tante – du bist niemand, du hast nichts. Bitte, such dir wenigstens eine einzige Frau.“

Die Rolle der Frauen ist eine weitere große Widersprüchlichkeit dieser Kultur. Sie sind die Architektinnen und Bauherrinnen ihrer eigenen Häuschen, oft allein für sich und die Kinder verantwortlich, weil ihre Männer mit den Herden unterwegs sind, und diesen doch ausgeliefert, wenn sie schlecht mit ihnen umgehen. Dass das keine kleine Not ist, zeigen die vielen Schilder mit Aufrufen gegen „gender-based violence“ (Gewalt gegen ein bestimmtes Geschlecht), die überall in dieser riesigen Region zu finden sind. Das Problem der Gewalt gegen Frauen ist so vielschichtig wie die Maßnahmen dagegen. Eine davon ist der Zugang zu sauberem Wasser. Joshua, der Nothilfe-Koordinator, erklärt: „Wenn wir wo ein Bohrloch anlegen können, das die Menschen in den entlegenen Gegenden mit Wasser versorgt, macht das einen großen Unterschied. Die Kinder hier werden dann zur Schule geschickt, weil es dort sauberes Trinkwasser und Sanitäranlagen gibt. Hier mussten sie früher zum Fluss und Wasser holen. Dieses Wasser war natürlich verschmutzt und der Weg weit und gefährlich. Besonders Mädchen wurden oft überfallen. Vor dem Bau des Bohrlochs sind hier 50 Kinder zur Schule gegangen. Manchmal kam nur ein Kind pro Klasse zum Unterricht. Jetzt sind es 240 und die Mädchen hier lernen, sie sind in Sicherheit und trinken sauberes Wasser.“

80 Kilometer zu Fuß

Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist ein Thema, das die katholische Kirche hier umtreibt. „Es ist eine große Herausforderung. Polygamie lässt sich so leicht nicht abschaffen. Da ist ein Mann und er hat mehrere Frauen und die haben alle Kinder mit ihm. Das kannst du nicht einfach beenden. Die engagieren sich auch in der Kirche. Nur zur Kommunion gehen sie eben nicht“, erläutert John Jegede. Der Zugang der Diözese Lodwar zu dem heiklen Problem ist beherzt: Sie erzählt von der Liebe Gottes und macht sie – zum Beispiel mit sauberem Wasser – praktisch erfahrbar. Sie traut sich zu predigen, dass ein Mann nicht mehrere Frauen haben sollte. Für die Turkana ist diese Mischung aus Offenheit und Nächstenliebe offensichtlich reizvoll. Denn die Menschen kommen gern zur Kirche. Bei einer der Außenstationen von Father Ernests Pfarre, einer Schirmakazie, unter der die Messe gefeiert wird, knien sie voller Andacht auf dem sandigen Boden. Der Priester schildert: „Es gibt in der Turkana Gebiete, in denen das Christentum noch nicht Fuß gefasst hat. Wir müssen uns nicht bemühen, diese Gegenden zu bekehren. Die Menschen kommen zu uns. Vor ein paar Monaten sind fünf Frauen 80 Kilometer zu Fuß gegangen, um mich zu bitten, ihnen einen Priester zu schicken – oder wenigstens einen Katechisten. Sie wollten Christinnen werden.“ Für Father Ernest ist das auch deshalb so relevant, weil er von der Liebe zur Kirche lebt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne Mess-Stipendien aus Österreich könnte der Priester nicht nur keinem der vielen Armen helfen, er hätte nicht genug, um sie überhaupt zu treffen.

Die Wege in der Turkana sind lang. Die Außenstationen seiner Pfarre – meist Schirmakazien, die einzigen Bäume, die hier gut überleben – sind weit auseinander gelegen. In einer Gegend, in der die Wege so schlecht sind, dass die diözesanen Geländewägen statt vier Stunden auch mal zwölf für eine Strecke brauchen, weil sie im weichen Boden feststecken, ist das motorisierte Vorankommen fast so wichtig wie sauberes Wasser.

Es tut sich was

Und Ziegen natürlich. „Wir schulen die Nomaden seit ein paar Jahren in Wüstenlandwirtschaft“, schildert John Jegede: „Das schafft Ernährungssicherheit in der zunehmenden Trockenheit. Aber die Tiere werden sie auch weiterhin halten. Wenn die Menschen hier mehr Einkommen haben, kaufen sie mehr Ziegen. Das ändert sich nicht. Das ist ihre Geldanlage.“ Was sich ändert, ist, dass es den Menschen besser geht durch den Einsatz der Kirche: sauberes Wasser, selbstlose Seelsorger und neue Fähigkeiten für ihre herausfordernden Lebensumstände. Außerdem hat sich die Kirche der untätigen staatlichen Stellen angenommen: „Wir machen jetzt Trainings für Regierungsstellen, damit sie lernen, wie sie ihre Arbeit wahrnehmen können. Seitdem haben sie ein Budget für die Folgen des Klimawandels. Die katholische Kirche war sehr lang die einzige Stelle, die sich in der Turkana um irgendetwas gekümmert hat. Das ändert sich langsam. Gott sei Dank.“

Mess-Stipendien

Hilfe aus Österreich

Die Mess-Stipendien aus Österreich sichern das Überleben vieler Priester – nicht nur in Afrika. Sie sind oft die einzige Einkommensquelle für die Männer, die mit ihrer Tätigkeit auch Verantwortung für die vielen Armen in ihrem Umfeld übernehmen. Gleichzeitig sind die Mess-Stipendien ein großes Geschenk für die Gläubigen in Österreich, ermöglichen sie doch nicht nur Nähe zur Weltkirche, sondern auch die intensive Fürbitte des Messopfers für die eigenen Anliegen. Weitere Informationen: www.missio.at/mess-stipendien

Das lesen Sie sonst nirgends!

Sichern Sie sich jetzt Ihr allewelt-Abo!

Pin It on Pinterest