Aus dem Schatten von Pablo Escobar
Der Name seiner Stadt ist berüchtigt und bekannt zugleich – Medellín,
einst Zentrum des gefährlichsten Drogenkartells der Welt. Was sich in Kolumbien seither zum Guten verändert hat, und wie seine Salesianer gerade dort einen gewaltigen Unterschied machen, erklärt Padre Oscar J. Holguín.
Noch immer ziert das Bild des einstigen Drogenbarons Pablo Escobar – wie in unserer Illustration – die Mauern armer Viertel in Padre Oscars Heimatstadt Medellín. Der Salesianer ist auf Einladung der Don Bosco Mission Austria nach Wien gekommen, um Wesentliches zurechtzurücken und die Geschichte einer Wiedergeburt im Besseren zu teilen.
Padre Oscar, Sie kommen aus einer Stadt, die viele mit Pablo Escobar verbinden – auch wegen der Netflix-Serie „Narcos“. Was sind Ihre Erinnerungen an das Aufwachsen in dieser Zeit der Gewalt?
Ich wurde am 6. November 1985 geboren. An diesem Tag eroberten die M-19-Guerrilleros den Justizpalast in unserer Hauptstadt Bogotá. Das war ein Vorbote der Gewalt, die in den 1980er- und 90er-Jahren ganz Kolumbien erfasste. Medellín war berüchtigt durch das Kartell, das Pablo Escobar aufbaute, um Kokain zu produzieren und zu exportieren. Escobar gewann so viel Macht, dass er den Staat fast zum Einsturz brachte. Er starb 1993, vor 32 Jahren. Doch das Drogenproblem endete nicht mit ihm: Neue Gruppen entstanden, wie FARC, ELN und Paramilitärs, die sich am Drogenhandel bedienten. Es ist ein profitables Business, das Rekrutierungen antreibt, besonders in afrokolumbianischen und indigenen Gebieten. Die Jungen werden als „Supersoldaten“ missbraucht. Deshalb sorgen wir für ehemalige Kindersoldaten, um ihnen nachhaltige Lebensprojekte zu geben – sie sind Opfer.
Dennoch ist Medellín heute eine der sichersten Städte Kolumbiens – wie kam das?
Ja, Medellín ist relativ sicher. Die Stadtverwaltung wollte die Kultur verändern. Wir haben heute den besten öffentlichen Verkehr Kolumbiens, Busse, Seilbahnen, eine eigene U-Bahn. Zudem ist das Bildungssystem stark, die Industrie blüht, es gibt bessere Chancen, Stipendien und Arbeit. Die Stadt erholt sich.
Medellín ist nun ein Touristenziel. Welche Folgen hat das?
Die Touristen kommen meist aus den USA. Es gibt Pablo-Escobar-Touren zu seiner früheren Hacienda, aber für uns Medellinenses ist er kein Held – er war ein Terrorist. Wir sprechen selten über ihn; das tun vor allem Ausländer, beeinflusst von „Narcos“. Die Netflix-Serie schadet, indem sie ihn glorifiziert, obwohl er Tausende ermordete. Es ist ähnlich, wie man wohl in Österreich auch nicht über Hitler redet: Es ist Geschichte, die wir nicht verbergen, aber verarbeiten müssen. Der organisierte Kriminalitätskreislauf existiert weiter in kleinen Gruppen, die großen Kartellen unterstehen. Der Tourismus bringt Prostitution und Drogenkonsum, was Jugendliche angreifbar macht.
Genau das führt zu Ihrer Arbeit: Als Salesianer leiten Sie das Zentrum „Ciudad Don Bosco“. Wie ist das tägliche Leben in den Armenvierteln heute?
In jedem dieser Viertel gibt es kriminelle Strukturen, finanziert durch den Drogenverkauf. Viele Jungen aus benachteiligten Familien werden rekrutiert oder fangen früh selbst mit dem Konsum an. In unser Internat kommen täglich 8- bis 10-Jährige mit Suchtproblemen. Deren Eltern sind oft nicht greifbar oder konsumieren selbst. Es gibt öffentliche Angebote in Bildung und Sport, aber viele Familien wissen nicht, wie sie zugreifen können, oder wollen es nicht. Deshalb machen wir Prävention: Wir halten sie von der Straße fern und stärken Familien als Kern der Lebensgestaltung.
Die Salesianer sind seit 1892 in Kolumbien aktiv. Welchen Einfluss haben sie?
Wir konzentrieren uns auf Jugendliche am Rande. In unserer Provinz arbeiten 118 Salesianer in 59 Einrichtungen und erreichen jährlich 13.000 junge Menschen. Die Ciudad Don Bosco wurde 1965 als Anlaufstelle für Straßenkinder gegründet. Wir haben in diesen 60 Jahren über 83.000 Jugendliche betreut. Heute besuchen 1.200 Kinder und Jugendliche aus Armenvierteln unser Zentrum. Dazu sind 200 im Internat, 60 im Programm für ehemalige Kindersoldaten, 250 in der Nachbarschaftsprävention und 100, gerettet aus illegalen Minen. Wir kooperieren mit Partnern, die vulnerable Kinder suchen und zu uns bringen. Dort prüfen wir, ob eine Rückkehr zur Familie möglich ist – sonst bleiben sie länger und wir schulen sie.
Beeindruckend ist das Resozialisierungsprogramm für Kindersoldaten. Wie läuft es ab?
Das Programm dauert 18 Monate und umfasst Bildung, psychologische Betreuung und Familienzusammenführung. Bisher haben 3.000 Jugendliche teilgenommen, 85 Prozent fanden einen neuen Lebensweg. Es schützt vor Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen und Drogenbanden. Viele Absolventen kommen zurück: Sie sagen: „Ihr habt mein Leben gerettet“ oder: „Ihr seid meine Familie“. Über 25 Prozent unserer Mitarbeiter waren selbst einst Bewohner. Sie teilen Erfahrungen, arbeiten als Freiwillige oder geben zurück, was sie erhielten. Wir lösen nicht alles allein – Kolumbien ist über eine Million Quadratkilometer groß –, aber wir helfen Tausenden, ein besseres Leben zu finden. Wo Probleme sind, sind wir Salesianer.
Künstler aus aller Welt: Diesmal aus PAKISTAN
Wechselnde Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt gestalten das Porträt auf dieser Seite. Diesmal tut das Muhammad Taimoor Raza aus Pakistan. Nach dem Tod seines Vaters nutzt er Kunst zur Familienversorgung. Er studiert Psychologie, – um wie mit der Malerei – die „menschliche Seele zu erkunden.“ Für sein Porträt von Padre Oscar wählte er einen rebellischen Stil nach Marco Bucci: „Expressiv, farbenfroh, um Hingabe, Härten und den heroischen Widerstand gegen ein zerstörerisches System zu beleuchten.“
