Am Anfang steht das Zuhören
Ihr Leben ist hart, von Angst, Entbehrung, Schutzlosigkeit und Gewalt geprägt. Es gibt viele Straßenkinder in der Diözese von Bischof Edouard Sinayobye in Ruanda. Nun erklärt er, wie er sie rettet und was ihn dabei erstaunt.
Als Bischof Edouard Sinayobye begann, Straßenkinder zu suchen, machte er eine erschütternde Entdeckung: Niemand wusste, wie viele es überhaupt gab. Heute holt seine Diözese Cyangugu am Kivu-See hunderte Kinder von der Straße zurück ins Leben. Dass der Bischof selbst einst seiner Berufung folgen konnte, verdankt er einer Missio-Priesterpatenschaft. Nun gibt er weiter, was ihm einst geschenkt wurde.
Wieso gibt es so viele Straßenkinder in Ihrer Diözese?
Vor dreieinhalb Jahren begannen wir damit, uns einen Überblick zu verschaffen. Anfangs wussten wir gar nicht, wie viele Straßenkinder da draußen sind. Nach und nach entdeckten wir immer mehr. Viele von ihnen landen auf der Straße, weil ihre Familien sehr arm sind oder es dort Konflikte gibt. Andere sind Waisen oder Kinder von Prostituierten. Man muss sich das vorstellen: In vielen Familien gibt es einfach nichts zu essen! Die Kinder nehmen Reißaus und suchen auf der Straße nach einem besseren Leben. Sie leben in verlassenen Gebäuden, Wäldern, unter Brücken. Tagsüber ziehen sie durch die Gegend, stehlen, nehmen Drogen oder sind in andere kriminelle Aktivitäten involviert.
Sind die Kinder bereit, Hilfe anzunehmen?
Ich habe zu unserer Überraschung entdeckt, dass viele von diesen Kindern sehr gerne Hilfe annehmen. Wir haben, seit wir diese Mission 2022 begonnen haben, schon 650 Kinder auf der Straße ausfindig gemacht und erfolgreich in den Schulbetrieb integriert.
Wie haben Sie das geschafft?
Wir gingen in drei Schritten vor. Zuerst einmal mussten wir die Kinder finden, was gar nicht so einfach war. Wir stellten zwei Vollzeitkräfte an, die zu ihren Schlafplätzen aufbrachen und sie in die Kirche einluden. Wir arbeiten ständig mit staatlichen Stellen wie der Polizei zusammen. Die Kinder kommen gern in die Kirche. Sie sehen die Ordensschwestern und fassen Vertrauen. Im nächsten Schritt geht es darum, ihnen zuzuhören. Ihre Wunden zu verstehen, etwas über ihr Leid zu erfahren, ihre Sorgen. Manche dieser Kinder sind traumatisiert: Entweder wegen der Erfahrungen in der Familie oder dem, was sie auf der Straße erleben. Es sind keine unbeschwerten Kinder mehr. Viele von ihnen haben große Angst. Hat man ihnen zu-gehört, kann man ihnen zeigen, dass ein anderes Leben möglich ist. So geht es im dritten Schritt darum, sie in Schulen unterzubringen. Besteht bereits ein Vertrauensverhältnis, gehen sie freiwillig in die Schule.
Funktioniert das, solange sie noch auf der Straße leben?
Für diejenigen, die keine Familien haben, finden wir Gast-familien. Die Pfarren engagieren sich und christliche Familien nehmen die Kinder auf. Weil es der Bischof ist, der sie darum bittet, oder ihr Priester, fällt es den Familien leichter, sich an diese Aufgabe heranzutrauen. Und sie nehmen die Kinder wirklich in ihre Familien auf. Sie kleiden sie, sie ernähren sie, sie erziehen sie. Sie behandeln sie wie ihre eigenen Kinder. Wenn die Kinder noch Eltern oder Verwandte haben, die sich kümmern könnten, arbeiten wir mit diesen zusammen.
Das klingt nicht so kompliziert.
Es gibt noch eine vierte Phase. Die dauert lange. Das ist die psychologische Begleitung der Kinder. Wir haben dafür extra einen Psychologen und Soziologen angestellt. So ist eine Einzelbegleitung der Kinder garantiert. Wir kennen also die Kinder, wir kennen ihre Geschichte und so können wir ihnen wirklich helfen. Und das geht nicht einfach in einem Jahr. Das dauert.
Wo machen Sie das alles?
Man braucht die richtigen Räume. Orte der Begegnung. Deshalb haben wir unser Zentrum für die Kinder der Straße eröffnet. Dort sind die Kinder willkommen, können lernen und werden begleitet.
Sie kennen einige der Kinder persönlich. Gibt es Geschichten, die Sie besonders berühren?
Ich habe da einen jungen Mann vor Augen: Er nahm Drogen, hat alles Mögliche gestohlen, war gewalttätig und mit 16 schon mehrmals im Gefängnis. Heute geht er zur Schule und ist der Zweitbeste seiner Klasse. Und das ist interessant: Ich versuche ein bisschen die schulische Entwicklung dieser Kinder zu verfolgen. Viele ehemalige Straßenkinder sind heute die Besten ihrer Klasse. Ich bin dem Herrn sehr dankbar, dass er mir gezeigt hat, dass wir uns um diese Kinder kümmern müssen. Wenn wir es nicht tun, riskieren wir, dass die Gesellschaft in Zukunft ein schwerwiegendes Problem hat. Wenn wir uns kümmern, solange sie noch Kinder sind, und ihnen einen besseren Weg anbieten, folgen sie diesem. Sie wehren sich nicht gegen Bildung. Die Kinder warten darauf, dass wir ihnen eine Alternative anbieten und wenn wir es tun, dann nehmen sie dieses Angebot gerne an.
Künstler aus aller Welt: Diesmal aus der TÜRKEI
Wechselnde Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt gestalten das Porträt auf dieser Seite.
Diesmal tut das Ilgın Özdogan aus der Türkei. Sie fühlte sich von der Aufopferungsbereitschaft des Bischofs aus Ruanda tief inspiriert. „Ich verwendete daher hoffnungsvolle Farben, die zeigen, wie die Freude von Kindern auch unter widrigen Umständen zum Blühen gebracht werden kann.“