Geboren, um zu lieben und zu handeln

Hätte es damals Klatschblätter gegeben, Pauline wäre sicher in der Rubrik „Best Dressed“ aufgetaucht. Die reiche Teenagerin ist auf jedem Fest anzutreffen. Bis sie eine radikale Kehrtwende macht, mutig alles zurücklässt und sich stattdessen der Weltmission widmet. Missio verdankt der Hingabe dieser Frau seine Existenz.

Text: Anne Fleck
17 min Lesedauer

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass sie verwöhnt war: Die jüngste von sieben, heiß geliebt, nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von den großen Geschwistern, hineingeboren in eine Familie von Seidenfabrikanten, deren Reichtum schnell wächst. Wenn Pauline in ihren Kleidchen vorm Spiegel steht und singt, geraten die Eltern in Verzückung. Aber sie ist nicht einfach ein oberflächliches Püppchen. Schon als Kind träumt sie von der Mission in China und als ihre Mutter schwer erkrankt, Pauline ist gerade 15, betet sie, Gott möge sie, Pauline, zu sich nehmen, und ihre Mutter verschonen. Es kommt anders. Die Mutter stirbt. Die Familie ist tief getroffen. Und trotzdem rennt Pauline von Ball zu Ball und legt dabei vor allem Wert darauf, in ihrem kostbaren Schmuck und Seiden-Gewand zauberhaft auszusehen.

Der entzückende Wandel

Bis sich von einem Tag auf den anderen alles ändert: Pauline wird von ihrer Schwester Sophie in die Kirche St. Nizier mitgenommen, um den feurigen Prediger Abbé Würtz zu hören. Der spricht ausgerechnet über Eitelkeit. Pauline kommt ins Grübeln, konsultiert den Priester, beichtet und macht eine tiefgreifende Bekehrungserfahrung. Sie verkauft ihren Schmuck und gibt den Erlös den Armen. Sie dankt den Bedürftigen dafür, dass sie ihr diese Begegnung mit Jesus ermöglichen. Paulines neue Realität ist das Evangelium, Jesu Ausspruch, „was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, für sie eine konkrete Erfahrung. Leicht fällt es ihr nicht. „Es ist so schrecklich für mich, mit den Gewohnheiten von Luxus und Eleganz zu brechen. Niemals werde ich von der Eitelkeit heilen, außer wenn ich sie beherrsche.“ Um ihre Befreiung von der Sucht, bewundert zu werden, voranzutreiben, tauscht sie ihre Seidenkleider gegen gröbere Stoffe und setzt sich eine Musselin-Haube auf, wie Dienstbotinnen sie tragen. Wer sie sieht und weiß, dass sie eine Jaricot ist, kann sich den Spott nicht verkneifen und auch ihre Familie ist nicht begeistert und bittet sie, es nicht zu übertreiben mit den frommen Maßnahmen.

Aber Pauline hat gerade erst angefangen. In der Heiligen Nacht 1816 gelobt sie in der Kapelle von Fourvière, auf dem Hügel über Lyon und in unmittelbarer Nähe ihres späteren Zuhauses, der Maison de Lorette, Jungfräulichkeit. Pauline hat ihren Weg gefunden und nichts kann sie aufhalten. „Ich bin entschlossen, meine Ängste aufzugeben. Von nun an will ich dem König in den Palast folgen. Ich werde durch Berge und Täler gehen.“

Es gibt viel zu tun für Pauline. Ihr Bruder Philéas, inzwischen in Paris im Priesterseminar, schildert ihr die große finanzielle Not der Auslandsmission und bittet sie, Geld aufzutreiben. Gleichzeitig ist Frankreich nach der Revolution und den napoleonischen Kriegen, die gerade erst zu Ende gegangen sind, in einer Phase des Wiederaufbaus, während die Kirche an den Spaltungen leidet, die sie in dieser Zeit erlitten hat. Noch Paulines Taufe im Jahr 1799 hatte heimlich stattgefunden, weil alle Geistlichen, die keinen Eid auf die Verfassung geleistet hatten, nur im Untergrund agieren konnten. Zudem verschieben sich in der Wirtschaftsmetropole Lyon die Machtverhältnisse mit der zunehmenden Unzufriedenheit der für die Wirtschaftskraft der Stadt unerlässlichen Seidenweber. All diese Faktoren verliert Pauline nie aus den Augen. Was sie beginnt, beginnt sie als Reaktion auf die Umstände und Nöte der Menschen um sie herum. Ob sie zum Beten animiert oder Spenden sammelt, Hilfsbedürftige unterstützt oder die Grundlage für die erfolgreichste Zeitschrift des 19. Jahrhunderts schafft, sie tut es für Gott und die Menschen. Und sie tut es mit einer festen Überzeugung: „In jeder von Gott geschaffenen Lage gibt es einfache Mittel des Heils.“

Man könnte sagen, sie sei eine Visionärin, die verschiedenste Initiativen ins Leben gerufen hat. Gaëtan Boucharlat de Chazotte, Generalsekretär der Päpstlichen Missionswerke in Frankreich, würde es anders formulieren: „Sie hat nicht verschiedene Werke begonnen. Es war alles eins. Es ist ihr immer nur um die Verkündigung Christi gegangen. Ihr Leben, Handeln und Beten waren eine Einheit.“ Wahrscheinlich hat er damit genau recht. Pauline Marie Jaricot wollte, dass die Menschen die Liebe Gottes begriffen und in Freude lebten, und sie wusste, dass das schwer war, für einen, der ums tägliche Brot seiner Familie rang. Oder – wie sie es selbst formuliert hat: „Der tugendvolle Arbeiter kennt nur noch Geldnöte. Die Schmerzensschreie und die des Hasses ersticken die redegewandtesten Stimmen. Lieben sie zuerst, kommen sie mit der Moral danach!“

Gebet und Spende

Paulines größter Coup ist die Idee eines Netzwerks, um die Mission auf der ganzen Welt voranzutreiben. Während eines Kartenspiels mit ihrer Familie erfindet sie 1819 beiläufig eine brillante Methode, um Spenden zu sammeln – heute würde man es Crowdfunding nennen. Ihr wird schlagartig klar, wie sie die Pariser Auslandsmission nachhaltig unterstützen kann und dabei vielen Menschen die Chance gibt, Teil von etwas Größerem zu sein – indem nämlich jeder und jede nur einen Sou (etwas weniger als 0,01 Euro) gibt und wiederum andere anwirbt, die ebenfalls einen Sou geben. Das Konzept ist so simpel wie genial und Pauline selbst ist überrascht: „Ich bin erstaunt, dass niemand vor mir diese einfache Lösung gefunden hat.“ Die Grundlage für das Werk der Glaubensverbreitung, das drei Jahre später am 3. Mai 1822 offiziell gegründet wird, allerdings nur durch Kleriker und in Abwesenheit von Pauline, ist geschaffen. 1820 geht das erste Geld an die China-Mission.

Über die nächsten 30 Jahre steigern sich die Einnahmen des Werkes jährlich um 30 Prozent. Pauline hat eine einfache Erklärung für diesen ungeheuerlichen Erfolg: „Unsere Kräfte verzehnfachen sich durch die Liebe Jesu Christi.“ Und so hätte es sie wahrscheinlich nicht erstaunt, wenn man ihr 1826, als sie den Lebendigen Rosenkranz gründete, berichtet hätte, dass in Wien im Jahr 2022 täglich neue Beter und Beterinnen zum österreichischen Lebendigen Rosenkranz, der „Gott kann“-Bewegung, dazukommen würden.

Die Welt ist mein Kloster

Im Jahr 1833 kauft sie mit ihrem beträchtlichen Erbe die Maison de Lorette am Hügel oberhalb der Altstadt von Lyon und unterhalb der Kapelle von Fourvière, und zieht dort mit einigen Mädchen ein. Sie nennen sich „Töchter Mariens“. Einen Orden gründet Pauline nie: „Ich bin geboren, um zu lieben und handeln, die Welt ist mein Kloster.“ Die Schwestern der „Missionarsfamilie Unserer Lieben Frau“, die heute in dem Anwesen leben, zeigen Besuchern stolz die römische Straße, die 2005 bei der Renovierung der Maison de Lorette unter dem Fundament zum Vorschein kam. Auf dieser Straße sollen die christlichen Märtyrer Lyons im Jahr 177 gegangen sein. Gut 1650 Jahre später herrscht auf dieser heiligen Route reges missionarisches Treiben. Das Gebetsleben der Töchter Mariens ist dicht, aber sobald Bedürftige kommen, Gäste, an der Mission Interessierte oder solche, die Dinge wie Rosenkränze, Medaillen oder Gebetszettel brauchen, unterbrechen die Frauen alles und widmen sich ihrem Besuch. Sie wollen da sein für die Menschen. Und sie sind es.

Während der Aufstände der Seidenweber lässt Pauline von dort aus Medaillen prägen und an Aufständische und Soldaten ausgeben, die daraufhin kleine Gruppen des lebendigen Rosenkranzes bilden. Ihr kühnes und erfolgreiches Handeln beeindruckt sie selbst wenig, da sie, was sie tut, aus Liebe tut: „Die Nächstenliebe durchdringt wie das Feuer die härtesten Metalle.“ Da ihr das Heil der gesamten Welt so am Herzen liegt, sie mit verschiedenen Missionaren in Briefkontakt steht und sie weiß, dass „man mehr gibt und besser betet, für das was man kennt“, beginnt sie die Schilderungen der Missionare zu sammeln und den Gebetsgruppen zur Verfügung zu stellen. Für die Menschen eine Sensation: Wer in die Mission zog, kam üblicherweise nie mehr zurück und Augenzeugen-Berichte aus fernen Ländern waren eine Rarität. Pauline legt mit diesen Dokumenten die Grundlagen für die „Annalen der Glaubensverbreitung“, einer Zeitschrift, die 1880 eine Auflage von 250.000 Exemplaren hat. Wie bekannt Paulines Wirken ist, zeigt sich, als sie 1835 todkrank entscheidet, nach Mugnano zu den sterblichen Überresten der Märtyrerin Philomena zu pilgern. Auf dem Weg nach Süditalien sitzt Papst Gregor XVI.
höchstpersönlich an ihrem Krankenbett und verspricht ihr im Fall eines Heilungswunders die Seligsprechung Philomenas voranzutreiben. Pauline wird geheilt und baut daraufhin in der Maison de Lorette eine Kapelle zur Verehrung Philomenas.

Ihr Kampf für die Arbeiter

Doch die couragierte Frau aus Lyon gibt sich damit nicht zufrieden. Eines ihrer Herzensanliegen, ein würdiges Leben für die Arbeiter und ihre Familien, liegt noch in weiter Ferne. Sie glaubt, dass Not vor allem eine Aufforderung ist, sie mit Gottes Hilfe zu überwinden und macht sich erneut an ein kühnes Vorhaben. „Diese Arbeiter sind eine klaffende Wunde in der Gesellschaft. Aber in jeder von Gott geschaffenen Lage gibt es einfache Mittel des Heils. Ich will dazu eine Fabrik gründen. Mit gerechtem Lohn.“ Sie kauft mithilfe von zwei Geschäftsmännern die Schmiede von Rustrel. Ihr Plan: Dort Statuen und Kruzifixe für die Kirchen Frankreichs und die Mission herstellen zu lassen. Von Arbeitern, die gerecht behandelt werden und deren Kinder in die Schule gehen können. Sie nennt das Projekt „Notre Dame des Anges“. Sie investiert nicht nur ihr ganzes eigenes Vermögen, sie sammelt auch Einlagen kleinster Anleger. Viele trauen sich nur etwas von ihrem wenigen Geld zu geben, weil sie Pauline so vertrauen.

Mit schrecklichen Folgen: Die beiden Geschäftsmänner stellen sich als Betrüger heraus. Pauline wird nicht nur um ihr Vermögen gebracht, sondern auch um ihren
guten Ruf. Sie tut alles, um ihre Kleininvestoren zu retten. „Ich will vor keinem Opfer zurückweichen und obwohl ich nichts als Angst fühle, verbleibe ich im unerschütterlichen Willen, unsere Brüder zu retten.“ Sie bleibt erfolglos. Selbst in dieser größten Misere gehen ihr die originellen Ideen nicht aus und sie baut eine Stiege durch ihr Anwesen als Abkürzung zur Kapelle von Fourvière. Sie hofft, dass Pilger bereit sind, für den direkteren Weg zum Wallfahrtsort eine kleine Abgabe zu zahlen und sie so die Schulden zurückzahlen kann. Sie erntet nur Spott. 1853, neun Jahre vor ihrem Tod, meldet sich Pauline an offzieller Stelle als bedürftig. Ihre Reaktion auf ihre Misere: Sie vergibt ihren Peinigern aus ganzem Herzen. Ihre letzten Worte am 9. Jänner 1862 sind: „Mutter, meine Mutter, ich bin ganz dein.“ Man kann das Leben Paulines leicht als eine traurige Geschichte missverstehen. Nicht nur die einsetzende Verehrung der visionären Tapferen um 1910, die Ernennung des Werks der Glaubensverbreitung zu einem Päpstlichen Missionswerk 1922 und ihre Erklärung zur Ehrwürdigen Dienerin Gottes 1963 sprechen dagegen. Die Früchte ihres Feuers sind bis heute greifbar. 2012 wird die nach einem Unfall hirntote 3-jährige Mayline kerngesund, nachdem eine Schulklasse eine Novene zu Pauline Marie Jaricot betet.

Das Gebet der Kinder stärken

Besonders schön: Die darauf folgende Bekehrung der Familie des Mädchens. Gaëtan Boucharlat de Chazotte findet das nicht überraschend: „Das Gebet von Kindern ist mächtig.“ Auch deshalb wurde ein paar Jahre danach in Wien „Young Missio“ gegründet, mit dem Ziel, Kindern in Österreich die Schönheit der Weltkirche zu vermitteln und so ihren eigenen Glauben zu stärken. Heute kann man Maria Jungk und Marcel Urban die Freude dabei ansehen, Kindern nicht nur die Zärtlichkeit und Fülle Gottes zu vermitteln, sondern ihn auch noch in einem seiner schönsten Fingerabdrücke, der Weltkirche, zu präsentieren.

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