Allein unter Muslimen

Sie ist eine Ordensfrau unter Verstoßenen, eine einsame Stimme in der kargen Wüste. Wie Schwester Mary Joachim im muslimischsten Teil Äthiopiens drangsalierten Frauen Würde schenkt – und dabei selbst verwandelt wird.

Text: Christoph Lehermayr Fotos: Simon Kupferschmied
21 min Lesedauer

Die Propellermaschine dröhnt über eine endlose Steppe, die zur Wüste ausfranst. Dort unten: Sand, Staub, ein paar Dornbüsche. Stumme Wächter eines unwirtlichen Landstrichs. Somali Regional State heißt diese Verwaltungseinheit im Südosten Äthiopiens. Keine Region des Landes ist ärmer, karger, gnadenloser. Die Maschine sackt ab. Im Fenster des Flugzeugs blitzt plötzlich Wasser auf, ein Flussband. Erste Hütten zeichnen sich ab. Es werden mehr, bis sie so etwas wie eine Stadt formen. Der Flieger neigt sich, geht tiefer, setzt auf. Sobald die Stewardess in Gode die Tür öffnet, schlägt heißer Wind in die Kabine. 38 Grad, vermeldet der Kapitän. Und geht dabei schon die Checkliste für den sofortigen Rückflug nach Addis Abeba durch. Nur weg von hier.

Staubfahnen kräuseln in der Luft. Bärtige Männer wuchten Koffer vom Band. Vollverschleierte Frauen halten züchtig Abstand. Draußen wartet ein verbeulter Geländewagen. Am Steuer: Schwester Mary Joachim. Heiterer Blick, Brille, ansteckendes Lächeln, das Haar unter einem schlichten weißen Tuch. „Steigt ein“, sagt sie, „es ist nicht weit.“ Männer drehen die Köpfe. Eine Frau am Steuer – hier, im somalischen Teil Äthiopiens? Eine Nonne obendrein, unter 99 Prozent Muslimen, wo doch die nächste katholische Kirche 700 Kilometer weit weg liegt? Schwester Mary Joachim lächelt, winkt kurz, biegt von der Asphaltpiste ab. Es geht über Ziegenpfade, vorbei an einem Gefängnis – „meinen Nachbarn“ – über einen Hügel, den sie mit vollem Tempo nehmen muss. Dahinter taucht ihr Reich auf. Der Ort, der alles verändern wird.

Eine Ente unter Schwänen

Ihr Weg hierher war alles, nur nicht gerade. Geboren 1959 als Mary Joachim Brown. Der Vater: Jamaikaner. Die Mutter: Katholikin aus reichem Londoner Haus. So verknöchert, dass die Ihren den Vater wegen seiner Hautfarbe ablehnten. Als sei er ein Schatten, der nicht
dazugehört. So führte der Glaube, dieser unerschütterliche Faden, die Eltern als Laienmissionare nach Sambia, in den Busch. Dort wuchs Mary auf. Dort sah sie echte Armut. „Warum“, fragte sie ihre Mutter schon als Kind, „habe ich alles und die nichts?“

„Ich war wie eine Ente unter Schwänen – immer schon.“ Nie ganz passend, immer ein bisschen außen vor. Das prägte sie: eine sanfte Fremdheit, die sie lehrte, hinzusehen. Wirklich hinzusehen. Mit sieben, bei der Erstkommunion, gelobte sie Jesus: „Ich will nur für dich leben.“ Mit zehn festigte sie es durch ein Keuschheitsgelübde. Noch ohne alles zu verstehen, nur wissend, dass es richtig war. Mit zwanzig trat sie in England bei den „Missionaries of Charity“ ein; Mutter Teresa selbst reichte ihr die Papiere für Skopje, ihre Geburtsstadt. Später traf sie sie in Zagreb, in Rom bei den Gelübden, in Polen als Novizenmeisterin. „Sie erinnerte sich nicht immer an meinen Namen“, erzählt Mary und schmunzelt, „aber sie wusste, wer ich war – die mit den Novizinnen.“ Das Leben floss streng dahin. Jahrzehnte trug sie den Orden, stieg auf: Regionalleiterin, Superiorin, immer tiefer in die Struktur hinein. Doch nach einem Jahr der Auszeit brach es auf: „Meine Berufung ist nicht zu leiten, sondern bei den Armen zu sein. Einfach, nah.“ Die Schwestern taten Gutes, ja, in großen Häusern, mit Formularen und Zuständigkeiten.

Doch Mary sehnte sich zurück zu dem, was Mutter Teresa gelehrt hatte: gehen, wohin keiner geht, tun, was keiner machen will. Sie verließ den Orden. 2014 lud sie ein äthio-pischer Bischof nach Gode ein, in die somalische Region. Schwester Mary Joachim folgte. Der Rand – dieser äußerste Rand, von dem Papst Franziskus gern so eindringlich sprach – rief sie.

Wo Schals ein Leben tragen

Hinter einer Mauer am schlammigen Shebelle-Fluss öffnen sich acht Hektar an Land. Ein von Menschen geschaffenes Bollwerk aus Grün gegen die Steppe: Bananenstauden neigen sich wie Fächer, Zwiebelbeete stehen in Reihen, Moringa-Bäume spreizen ihre Blätter. Alles bewässert, hochgepumpt aus dem Fluss. Tausende Liter täglich, auch für die „Nachbarn“ im Gefängnis nebenan.

Kurz nach acht rollt ein Bus an, gelb und staubumhüllt, besetzt mit 26 Frauen und 64 Kindern. Die Kleinen klammern sich an die bunten Röcke ihrer Mütter, sie sind hungrig, schmutzig von der Nacht. Schwester Mary Joachim umarmt einige der Frauen, plaudert und achtet darauf, dass ihr Team die Kleinen übernimmt. Sie werden gewaschen, bekleidet. Bald gibt es Brei und etwas Pasta zum Frühstück. Später Unterricht für die Großen, Spiel und Spaß für die Kleinen. Während die Kinder essen und zur Ruhe kommen, setzen sich die Frauen an Webstühle. Bald formt der Takt der Schäfte ein leises Lied.

„Sie sind die Untersten der Unteren“, wird Schwester Mary später über die Frauen sagen: „Als ich hierherkam und noch nichts verstand, habe ich einige von ihnen auf der Straße aufgelesen. Verstoßene. Drangsalierte. Frauen, die ihr ganzes Leben nichts außer Gewalt erfahren haben.“

Später, so stellt sie in Aussicht, wenn sie mit dem Geländewagen in die Stadt fährt, werde man erst begreifen, was sie wirklich meint. Inzwischen verflechten sich Fäden in Rot und Blau, Gelb und Ocker zu weichen, bunten Schals. Schals, die begehrt sind, weil sie eine Geschichte tragen – und die Schwester sie international verkauft (s. Kasten unten). Zu Preisen, die den Frauen ein Einkommen sichern und Schwester Mary das nötige Geld, ihr Projekt am Laufen zu halten und auszubauen.

Tamar hat sie es benannt – nach der Frau aus dem Buch Genesis, die sich als Prostituierte verkleidete, um Gerechtigkeit einzufordern. Schlau, unerschrocken und selbstermächtigt, so sah die Schwester auch ihre Schutzbefohlenen. Und musste doch erkennen, wie weit der Weg war, der vor ihnen lag. „Keine von ihnen kannte Strukturen. Kaum eine kann lesen oder schreiben. Nie erfuhren sie, dass man ihnen in Würde begegnet.“ Nun lernen sie. Kämpfen. Mit sich und den eigenen Widrigkeiten. Und dem dort draußen, das feindselig ist. So werden die Schals zu etwas weit Größerem: Die Frauen weben nicht nur Stoff. Sie knüpfen ihr Leben neu. Faden für Faden.

Sie kehren wie Tiere zurück

Acht junge Erwachsene bilden das Herz von Schwester Marys Oase. Sie kochen, kümmern sich um die Kinder und lehren die Mütter geduldig das Weben. Ihr Band zur Ordensfrau reicht zurück bis in ihre Kindheit. Sie wuchsen im Haus für HIV-Waisen der Missionaries of Charity in Addis Abeba auf. Schwester Mary Joachim begleitete sie, sah sie groß werden, erste von ihnen an die Uni gehen – und etliche später ohne Job dastehen. „Kommt zu mir“, sagte sie ihnen vor Jahren auf einem Sommercamp. Und sie kamen. Folgten ihr in die Steppe. Einst waren sie Hilfsempfänger, nun sind sie selbst Helfende.

Am späten Nachmittag, als die beißende Hitze ein wenig von ihrer Unbarmherzigkeit verliert, steigt Schwester Mary in den Geländewagen. Der Sitz ist heiß, das Lenkrad glüht. Sie legt ein Tuch darüber, wartet kurz. Dann fährt sie los. Gode ist eine Stadt aus Staub und Lärm, ein Knotenpunkt für Soldaten, Händler, Tagelöhner. 160.000 Seelen. Kinder rennen barfuß zwischen Ständen, auf denen Datteln neben Benzinkanistern liegen. Der Muezzin ruft. Militärlaster donnern vorbei. Männer in Uniformen lehnen an Mauern, die Gewehre lässig geschultert. „Viele von ihnen gehen mit Äthiopiens Armee in Antiterror-Einsätzen für drei Monate hinüber ins benachbarte Somalia, das Islamisten kontrollieren“, sagt Schwester Mary. „Von dort kehren sie wie Tiere zurück. Die Frauen zahlen den Preis. Es ist der blanke Horror. Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt.“

Der Stock ist nur für die Ziegen

Ein Verschlag aus Ästen, mit Tüchern überspannt, dient Fadduma Mohammed als Zuflucht. Sie ist 45, Muslima, Somali – und sie webt untertags bei der Schwester an ihrem neuen Leben. Vier Kinder hat sie. Einen Mann, der keiner ist. Er kaut Khat, den ganzen Tag. Die Blätter sind die Männerdroge schlechthin am Horn von Afrika. Erst machen sie lüstern, später aggressiv, am Ende völlig abhängig. Heißer Wind pfeift durch die Ritzen. Staub liegt über allem. „Ohne die Schwester könnten wir nicht leben. Allah hat sie zu uns geschickt“, sagt Fadduma und streicht Mary Joachim sanft über die Schulter. „Ich stehe nur noch der Kinder wegen auf – und weil ich weiß, dass der Bus kommt, der uns zu ihr bringt.

Eine Stunde später, eine Lehmhütte. Darin eine Frau namens Kalkidan, erst 27. Mit zwölf wurde sie verheiratet. An ihren Peiniger, den Mann, der sie zuvor missbraucht hatte. Später floh sie. Landete in Gode, der Garnisonsstadt, wo Prostitution Frauen wie ihr einen Hohn an Geld verspricht und zugleich das Tor zur Hölle öffnet. „Niemand wollte mich und meinen kleinen Buben“, sagt Kalkidan, „niemand, außer der Schwester.“ Erneut eine Berührung, ein Federstrich von Dankbarkeit inmitten einer Kultur der Gewalt. „Diese Frauen wurden verletzt, benutzt, gebrochen“, sagt Schwester Mary. „Viele sind beschnitten, verstümmelt. Und alle tragen sie Wunden, die man nicht sieht. Es gibt hier keine Liebe zwischen Mann und Frau. Wenn eine nicht mehr passt, nimmt er sich die nächste. Und Frauen, die geschlagen wurden, schlagen dann ihre Kinder.“ Sie hält inne: „Deshalb habe ich vom ersten Tag an eine Regel aufgestellt: Der Stock ist nur für die Ziegen. Nicht für Menschen.“

Am Abend, als die Schwester von Gode zurückfährt, senkt sich die Sonne rot über die Steppe. Musik dringt aus Buden, die vorgeben, Bars zu sein, bald aber mit den Soldaten und deren Sold zu Folterkammern für die Frauen werden. So viel Schmerz steckt in dieser Stadt – und doch auch so viel Kraft in den Frauen, die jeden Morgen von ihren Hütten zur Schwester aufbrechen.

Die Rufende in der Wüste

In dieser archaischen Gesellschaft erregt eine wie Schwester Mary Argwohn. Sie lebt hier ihren Glauben – „die Gegenwart Christi durch Taten“, sagt sie. Ohne Worte, ohne Predigt, nur durch das Sein. „Warum hast du keinen Mann, keine Kinder“, fragen sie die Männer in der Stadt skeptisch. Und wenn alle paar Wochen Pater Angelo, ein italienischer Geistlicher, zur Messe auf das Gelände kommt, halten sie ihn für „ihren Gebieter.“

Einmal fand die Schwester einen Mann auf der Straße, bewusstlos, schmutzig, vergessen. Sie brachte ihn ins Spital, wusch ihn mit sanften Händen, während die Männer auf der Station gafften, deuteten, flüsterten. „Dein Bruder?“, fragte einer. Schwester Mary blickte kaum auf. „Ja“, sagte sie: „Er ist mein Bruder. Nicht im Blut, aber vor Allah.“ Nach Wochen erholte sich der Mann und trug die Geschichte durch die ganze Stadt. Woraufhin bald ein anderer die Schwester ansprach: „Was du tust, ist gut. Allah segne dich. Schade nur, dass du nie zu ihm ins Paradies kommen wirst.“

Erst viel später, als Sterne schon das Firmament füllen, gerät Schwester Mary ins Grübeln. „Ich“, sagt sie, „kann hier keinen bekehren. Das muss Jesus tun.“ Wer ihn nicht kennt, kann ihn nicht wollen, vertraute Mutter Teresa einst ihren Schwestern an. Also geht hinaus in seinem Namen, in der Liebe zu ihm, die zur Liebe für diese Menschen wird. „So bin ich zu seiner Stimme hier in der Wüste geworden.“ Allein, aber nie einsam. Von den vermeintlich Starken geduldet, von den Schwächsten geliebt. Ihres Mutes wegen. Ihrer Treue, die nicht weicht, egal, was kommen mag. Der Hoffnung wegen, die hier so viel mehr ist als nur eine weitere Spur im Wüstensand.

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